"[...] ZEIT: Auch Dietrich Bonhoeffer wurde noch kurz vor Kriegsende, am 9. April 1945, auf Hitlers persönlichen Befehl hingerichtet. Da hatte er zwei Jahre Haft hinter sich. Während dieser Zeit bekamen seine Angehörigen phasenweise keinerlei Lebenszeichen von ihm.
Korenke: Nach dem gescheiterten Attentat wurde die ganze Familie verfolgt und schikaniert, da ihre Verstrickung in den Widerstand herauskam. Dietrich Bonhoeffer war ja nicht nur Mitglied der Bekennenden Kirche gewesen. Über seinen Schwager Hans von Dohnanyi lernte er Verschwörer wie Wilhelm Canaris, Hans Oster und Ludwig Beck kennen. Ab 1940 diente er als Verbindungsmann zwischen kirchlichem und militärischem Widerstand.
ZEIT: Er rechtfertigte in seinem unvollendeten Hauptwerk Ethik den Tyrannenmord, indem er erklärte, wann ein Christ gegen das Gebot "Du sollst nicht töten" (auf Hebräisch: "Du sollst nicht morden") verstoßen darf. Sie selbst sind kein Theologe, sondern Historiker. Was muss man heute über ihren Großonkel wissen?
Korenke: Ihm waren religiöser Eifer, blinder Gehorsam, Nationalismus und Militarismus fremd. Deshalb ärgert es mich so sehr, wenn sein Name heute von Extremisten vereinnahmt wird. In Deutschland versucht auch die AfD den 20. Juli zu instrumentalisieren. Jetzt werden der deutsche Widerstand und besonders mein Großonkel von Trump-Fans benutzt. Der neue Film über ihn ist grottenschlecht! [...]
ZEIT: Bonhoeffers heute bekanntestes Buch heißt Widerstand und Ergebung.
Korenke: Das sind die Texte aus der Haft. Aber Widerstand war gar nicht sein Wort. Er wollte anständig bleiben. Sein Bruder Klaus und sein Schwager Hans wurden auch hingerichtet, seine Schwester Christel verhaftet. Meine Mutter war die jüngste Tochter des hingerichteten Rüdiger Schleicher. Das Schicksal der Ermordeten hat uns alle geprägt."
E. Finger im Gespräch mit T. Korenke ZEIT 16.10.24
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