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Freitag, 15. März 2024

euro|topics: EU reguliert KI: Was sind die Chancen und Gefahren?

Das weltweit erste umfassende KI-Gesetz wird Tatsache: Das EU-Parlament hat am gestrigen Mittwoch der mit den EU-Staaten ausgehandelten Fassung des AI Act zugestimmt. Praktiken wie Social Scoring oder Gefühlserkennung am Arbeitsplatz werden verboten. Bei der Gesichtserkennung gibt es Ausnahmen für die Strafverfolgungsbehörden. Für einige Kommentatoren ist das eine Verwässerung, andere sehen dennoch einen zukunftsweisenden Erfolg.

LA STAMPA (IT)

Zumindest beim Regulieren Spitze

La Stampa lobt:

„Im technologischen Rennen haben zwar die USA klar und noch vor China die Nase vorn. Aber die Regeln sind wichtig, und Europa hat auf diesem Gebiet gewonnen. Denn mit diesen Regeln müssen sich alle auseinandersetzen, die jetzt künstliche Intelligenz in der Welt entwickeln: Die 27 Länder der Union sind ein zu großer Markt, um ignoriert zu werden, wie wir mit der DSGVO, der europäischen Datenschutzverordnung, gesehen haben, die zum Bezugspunkt für alle geworden ist.“

Riccardo Luna
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FRANKFURTER RUNDSCHAU (DE)

Zu viele Ausnahmen

Der Prozess, der zu dem Gesetz geführt hat, zeigt, wo innerhalb der EU die eigentliche Macht liegt, schreibt die Frankfurter Rundschau:

„Bei den Regierungen der einzelnen EU-Staaten und nicht im direkt demokratisch legitimierten europäischen Parlament. Im AI Act ist von dessen Position, die Grundrechte gegen neue technische Angriffsmöglichkeiten zu verteidigen, wenig übrig geblieben - etwa bei angestrebten Verboten von Gesichtserkennung in der Öffentlichkeit. Der Text erlaubt zu viele Ausnahmen. Dass etwa das EU-Grenzregime vom Geltungsbereich des AI Act ausgenommen ist, zeigt, wie selektiv der Schutz von Menschenrechten in der EU sein kann.“

Daniel Roßbach
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CORRIERE DELLA SERA (IT)

Aus Erfahrung gelernt

Regeln fördern den fairen Wettbewerb, hofft Corriere della Sera:

„Die Erfahrung mit dem Internet schmerzt immer noch. Der Verzicht auf eine Regulierung hat dazu geführt, dass der Internet-Markt heute von einigen wenigen Großen beherrscht wird. Von daher ist es gerade diesem neuen Rechtsrahmen zu verdanken, dass sich ein Spielfeld abzeichnet, auf dem ein ehrlicher, fairer und gerechter Wettbewerb möglich ist. Vielleicht wird dadurch das Auftauchen neuer Akteure erleichtert. Hoffentlich anders als in dem digitalen Wilden Westen, den wir erlebt haben.“

Daniele Manca
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TAZ, DIE TAGESZEITUNG (DE)

KI-Lobby ist stärker als Zivilgesellschaft

Aus Sicht der taz haben strukturelle Probleme der EU-Gesetzgebung zu einem wirtschaftsfreundlichen Ergebnis geführt:

„Es ist auch die Folge einer Verhandlungssituation, in der Wirtschaftsvertreter:innen gegenüber anderen Gruppen, etwa Verbänden aus der Zivilgesellschaft, privilegiert sind. So fanden laut dem Verein Lobbycontrol im vergangenen Jahr 78 Prozent der Treffen von hochrangigen Kommissionsbeamt:innen zum Thema KI mit Unternehmen oder Wirtschaftsverbänden statt. Auch in stimmstarken Mitgliedstaaten wie Deutschland und Frankreich sind die Drähte kurz: In Deutschland hat das KI-Start-up Aleph Alpha gute Kontakte bis auf Ministerebene, in Frankreich sieht es bei dem KI-Start-up Mistral ähnlich aus.“

Svenja Bergt
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LA LIBRE BELGIQUE (BE)

Wichtige Themen ordentlich anschieben

In diesem und anderen Bereichen muss die EU mutig voranschreiten, findet La Libre Belgique:

„Dieser Rechtsrahmen kann Europa helfen, sich wieder als bedeutender Akteur auf der wirtschaftlichen Weltbühne zu etablieren. Europa hat im Grunde keine andere Wahl. Nicht nur für den digitalen Wandel sind hohe Investitionen nötig, sondern auch, um der Herausforderung der alternden Bevölkerung zu begegnen. Anders ausgedrückt, es müssen Finanzierungsquellen für Gesundheits- und Rentenausgaben gefunden werden. ... Und dabei ist noch gar nicht die Rede von den Investitionen, die in den Klimawandel und in die Verteidigung getätigt werden müssen.“

François Mathieu
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Mittwoch, 21. Juni 2023

Nicht die künstliche Intelligenz selbst ist die Gefahr, sondern der falsche Umgang damit

 Noch ist - wie bei den fossilen Energien und der Atomkraft - nicht die Technik das Problem, sondern der Mensch. Denn Computer lassen sich abschalten. Beruhigend ist auch, dass in diesem Fall die Erfinder selbst vor den Gefahren warnen. Das war bei der Nutzung der fossilen Energien nicht der Fall, weil niemand die Entwicklung über 200 Jahre voraussehen konnte. Bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft haben die Warnungen nach einigen Katastrophen zu einem gewissen Umdenken geführt. Beim Klimawandel, der aufgrund der Nutzung der fossilen Energien entstanden ist, hat die Menschheit dreißig Jahre, nachdem das Problem weltweit bekannt war, immer noch keinen erfolgreichen Lösungsweg beschritten. Die Frage ist: Lassen sich die Gefahren der künstlichen Intelligenz (z.B. verdeckter Rassismus) eindämmen, ohne dass die Weiterentwicklung erst einmal gestoppt werden muss?

Dazu ein paar Hinweise: Ein Computerprogramm stürzt ab, wenn es falsch programmiert ist, die KI verbessert ihre Funktionsweise selbst. Kann sie auch Fehler ihres Programms aufzeigen? Der Mensch ist oft in Versuchung, sich mehr zuzutrauen, als er zu leisten imstande ist. Kann das der KI auch passieren? Bisher deutet der ChatGPT am Schluss seiner Antworten mit allgemeinen Formeln an, dass seine Antwort nicht letztgültig ist. Kann man ihm beibringen, konkreter aufzudecken, welche Aspekte er nicht bearbeiten konnte?

Und weil es so beliebt ist, irgendwo etwas zu finden, was der Mensch besser kann als eine Maschine. KI kann sich gewiss auf absehbare Zeit nicht wie Rilke vornehmen, "das Unsagbare zu sagen".

Doch die größte Gefahr, die von KI ausgeht, ist vielleicht, dass sie uns dazu verführt, oberflächlich zu lesen. Maryanne Wolf macht darauf aufmerksam, dass digitale Texte schneller gelesen werden, weil sie auf Verwertbarkeit hin gelesen werden. Oft steht bei dem Link zum Text sogar schon die Lesezeit, die man dafür vermutlich brauchen wird, denn der Leser fragt sich ja fast immer: Lohnt es sich, den Text zu lesen, oder kann ich dieselbe Information auch schneller erhalten?

Anspruchsvolle Texte aber müssen langsam und oft mehrmals gelesen werden, bis man merkt, welche ganz persönlichen Empfindungen sie in einem wachrufen. Sie können in der Tat mehr sagen, als der Verfasser ausdrücken konnte, weil sie jedem Leser etwas anderes sagen.

Geht uns das verloren, wenn wir für jedes Informationsinteresse künstliche Intelligenz zur Hilfe nehmen können?

Sonntag, 22. Januar 2023

euro|topics: ChatGPT und Co: Wie verändert KI unser Leben?

 

Der im November 2022 veröffentlichte KI-basierte Dialog-Bot ChatGPT findet auf fast jede Frage eine Antwort und ist in der Lage, diese in natürlich fließender Sprache zu formulieren. Ob und bei welchen Gattungen die so generierten Texte tatsächlich mit denen von Menschen mithalten können, ist umstritten. Europas Presse legt ihren Fokus darauf, wie solche Möglichkeiten die Schule und das professionelle Schreiben verändern können.

THE SPECTATOR (GB)

Das Ende des Schreibens

Eine Existenzkrise für eine ganze Berufsgruppe befürchtet The Spectator:

„Das war's. Es ist an der Zeit, die Feder, den Kugelschreiber und das schicke iPad wegzupacken: Die Computer werden es bald besser machen. ... Als erstes werden Maschinen akademische Arbeiten ersetzen – Essays, Doktorarbeiten, langweilige Lehrtexte (die sie wenig überraschend schon jetzt locker produzieren können). Fan-Fiction und selbstveröffentlichte Romane sind dem sofortigen Untergang geweiht. Als nächstes sind einfache journalistische Arbeiten dran, dann Qualitätsjournalismus, Genre-Literatur, Geschichte, Biografien und Drehbücher. ... 5.000 Jahre des geschriebenen Wortes und 500 Jahre in denen Menschen ein Leben, eine Karriere, ja sogar Ruhm durch Worte erlangten, gehen abrupt zu Ende.“

Sean Thomas
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IRISH EXAMINER (IE)

Zeitenwende in der Schule

Besonders für Lehrkräfte wird ChatGPT künftig eine große Herausforderung darstellen, glaubt Irish Examiner:

„Im Vereinigten Königreich wurden Dozenten schon aufgefordert, die Art der Leistungsnachweise in ihren Kursen zu überprüfen, da dieses neue Tool das Potenzial hat, glaubwürdige und qualitativ hochwertige Inhalte mit nur minimalem menschlichem Input zu produzieren. ... Lehrer müssen sich entscheiden, ob sie sich diese Technologie zunutze machen und neue Wege zur Bewertung von Leistungen finden, oder ob sie ihre Zeit damit verbringen wollen, Regelverstöße aufzudecken. Und für so etwas ist schließlich niemand Lehrer geworden. “

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EL PAÍS (ES)

Bei mündlichen Prüfungen hilft kein Bot

El País hat einen Vorschlag für den Umgang mit KI in der Schule:

„Jeder Lehrer kann jetzt herausfinden, ob die Arbeit eines Schülers ein bloßes Cut-and-Paste ist. Eine Google-Suche reicht aus, um ein Plagiat zu entdecken. ... All dies vereinfacht den Zugang zu Informationen, erschwert aber das Lehren und Lernen. Letztendlich wird die künstliche Intelligenz in den Unterricht einfließen, aber wir müssen lernen, mit ihr umzugehen. Möglicherweise wird uns die Innovation am Ende paradoxerweise wieder zur Mündlichkeit zurückführen. Dies ist die einzige Möglichkeit zur Bewertung. Die Schüler sollten für die Suche nach Informationen alle ihnen zur Verfügung stehenden Hilfsmittel verwenden, aber sie sollten in der Lage sein, das Ergebnis zu erklären. Persönlich und mit eigenen Worten.“

Milagros Pérez Oliva
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LE TEMPS (CH)

Es bleibt dabei: Der Mensch ist keine Maschine

Die Gefahr liegt nicht in der KI, sondern in der Debatte darüber, warnt Philosoph Thomas Robert in Le Temps:

„Es geht jetzt darum, die Kontrolle über die von den Befürwortern der Künstlichen Intelligenz erzählte Geschichte zurückzugewinnen. Die Gefahr ist, dass sie uns davon überzeugen, dass Intelligenz nichts anderes als die Anhäufung von Wissen ist oder dass Kreativität sich auf die wahrscheinlichste Antwort reduziert. Mit anderen Worten: Die größte Gefahr besteht nicht in den Fortschritten der KI, sondern im Diskurs, der zu einer kümmerlichen Definition des Menschen neigt. Drei Jahrhunderte später versuchen es Programmierer aus dem Silicon Valley erneut mit der Mensch-Maschine-Theorie. Es liegt an uns, ob wir ihr erliegen oder nicht.“

Thomas Robert
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OBSERVADOR (PT)

Internationale Grundsätze verhandeln

Ethische Regeln sind wichtig, aber schwierig umzusetzen, gibt Ökonomin Inês Domingos in Observador zu bedenken:

„Das Fehlen des kritischen Denkens bei Maschinen zwingt die Entwickler Künstlicher Intelligenz dazu, ethische Grenzen in ihre Programme aufzunehmen, was nicht zuletzt wegen der Diskrepanzen zwischen den ethischen Werten in verschiedenen Regionen der Welt zunehmend Anlass zur Sorge für die öffentliche Politik gibt. Die EU hat 2018 eine Reihe von Leitlinien für die ethische Nutzung Künstlicher Intelligenz erstellt, ebenso China 2019. ... Aber die Umsetzung und die Werte beider Regionen sind sehr unterschiedlich, insbesondere in Bezug auf den Schutz der Privatsphäre.“

Inês Domingos
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