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Sonntag, 22. Januar 2023

Das Aussterben von Tierarten und das Ende der Menschheit

"DAS ENDE IST NAH! – was war das für ein Fanfarenstoß, so richtig mit dem Hammer philosophiert und in die Magengrube fahrend. Aus christlicher Vorzeit hatte sich der Mahnruf bis ins 20. Jahrhundert geschlichen, aber leider, leider, heute mag ihn keiner mehr in seiner ganzen herben Wucht benutzen: zu dramatisch und irgendwie exaltiert. Nicht einmal die "Letzte Generation" traut sich, die vier Wörtchen laut auszusprechen, in Wirklichkeit glaubt sie ja daran, dass die Alten noch einmal alles wiedergutmachen.

Wir sterben entweder im Krieg oder erleiden den Klimatod, und selbst wenn nicht, dämmert keine tolle neue Epoche herauf, kein Sieg einer besseren Idee, kein Übermensch, kein Messias. Falls unsere zivilisierte, demokratische Zeit tatsächlich endet, müssen wahrscheinlich nicht alle sterben, aber was übrig bleibt, wird kaum wert sein, noch von der Geschichtsschreibung notiert zu werden. Keine Fanfaren, kein Weltgericht, es wird bloß Schluss sein. [...]
Die Natur der Naturwissenschaften ist ein System des Sich-Erhaltens aus eigener Kraft, und wenn das Kulturelle sich ebenfalls als ein Teil dieses natürlichen Systems begreift, wenn es auch ihm vornehmlich um Selbsterhaltung geht, hinsichtlich seiner Moralität, seiner Erwartungen, Sehnsüchte und so fort, dann muss – naturgemäß – alles als eine Katastrophe erscheinen, was den Selbsterhalt auch nur bedrohen könnte. Dann ist egal, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich das zivilisatorische Ende tatsächlich ist. Im Kopf ist es längst eingetreten. 

 Die Leute begreifen sich dann nicht als endliche Wesen, sondern sie beklagen, dass sie und ihr Werk nicht ewig währen. [...]"

"Plappern über den Untergang" von Thomas E. Schmidt, Die ZEIT 19.1.2023, S. 48)

Dass alle biologischen Arten nur eine begrenzte Nische in der Ökologie haben, baut Schmidt auf zu einem metaphysischen Schrecknis. Dass vor dem physischen Ende der Art ein Ende der Zivilisation kommt, ist naheliegend, wenn auch nicht belegbar. Das Fermi-Paradox und den großen Filter hatte ich beim Lesen nicht parat. Aber beide legen sich nahe, wenn man in kosmischen Dimensionen über die Welt nachdenkt. Angesichts mehrerer Milliarden Jahre ist klar, dass zwei, drei Millionen Jahre Entwicklung einer Zivilisation und eine Bruchzahl von kleiner als 100 für die Zeit ihres Untergangs für Entstehung und Untergang einer ungeheuren Menge von Zivilisationen reichen. Als Nicht-Mathematiker habe ich mir freilich nie Gedanken darüber gemacht, wie viele es sein müssen, bis es zu einem Paradoxon reicht. So las ich über das Fermi-Paradox als über eine astronomisch-mathematische Überlegung, ohne mir wie die NASA Gedanken darüber zu machen, wie es aufzulösen sei.
Zugegeben, dass zwar Amöben vermutlich kein Interesse am Überleben der Menschheit haben, es aber für Menschen ethisch geboten sei, war mir mal ein neuer Gedanke, aber wenn man einmal einen Standpunkt von außerhalb der Menschheit annimmt, dann legt er sich nahe.
Weshalb muss Schmidt die Ethik von Naturwissenschaftlern als irrational bezeichnen, weil die Vorstellung eines Endes der Menschheit schon bedeute, dass es "im Kopf  [...] längst eingetreten" sei?
Wieso glaubt er den Klimaaktivisten apokalyptische Vorstellungen nachsagen zu müssen, wenn sie dazu aufrufen, alles Mögliche für ein weitere Dauer der menschlichen Zivilisation zu tun, nur weil sie in ein paar Millionen Jahren nach menschlichem Ermessen sowieso nicht mehr bestehen wird.
Ist es irrational, Menschenleben retten zu wollen, nur weil alle Menschen sterblich sind?

Samstag, 3. Dezember 2022

Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit

  https://www.chbeck.de/piketty-kurze-geschichte-gleichheit/product/33757016

https://www.perlentaucher.de/buch/thomas-piketty/eine-kurze-geschichte-der-gleichheit.html


Aus der Leseprobe:

"[...] Sosehr die langfristige Tendenz zur Gleichheit sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert behauptet, sie bleibt doch von begrenzter Tragweite. Auf allen genannten Ebenen (Rechtsstatus, Eigentum, Macht, Einkommen, Geschlecht, Herkunft) bestehen die Ungleichheiten in erheblichem und ungerechtfertigtem Maße fort, zumal sie auf individueller Ebene oft gehäuft auftreten. Eine Tendenz zur Gleichheit zu behaupten, kommt keineswegs dem Aufruf gleich, darüber in Jubel auszubrechen. Im Gegenteil: Eher geht es um den Aufruf, auf der Basis solider historischer Kenntnisse den Kampf fortzusetzen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie es zu dieser Bewegung hin zu mehr Gleichheit tatsächlich gekommen ist, wenn wir besser verstehen, welche Kämpfe und Mobilisierungen, welche institutionellen Errungenschaften, welche Rechts-, Sozial-, Steuer-, Bildungs- und Wahlsysteme nachhaltig für Gleichheit gesorgt haben, dann lassen sich daraus wertvolle Lehren für die Zukunft ziehen. Leider wird dieser kollektive Lernprozess, in dem wir uns vor Augen führen können, was gerechte Institutionen sind, oft genug durch Geschichtsvergessenheit, aber auch dadurch behindert, dass sich die einzelnen Wissensgebiete gegeneinander abschotten. Um auf dem Weg zur Gleichheit voranzukommen, ist es entscheidend, sich auf die Geschichte zu besinnen und nationale Grenzen ebenso wie Fächergrenzen zu überwinden. Dieses Buch, das ein optimistisches Buch ist und durchaus die Bürger mobilisieren will, versucht als zugleich historische und sozialwissenschaftliche Arbeit, einen Schritt in diese Richtung zu tun. [...]

Das Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit und die Suche nach gerechten Institutionen Was sind die wichtigsten Schlussfolgerungen, die sich aus dieser neuen Wirtschafts- und Sozialgeschichte ziehen lassen? Die nächstliegende lautet zweifellos: Ungleichheit ist zunächst und vor allem eine soziale, historische und politische Konstruktion. Es gibt, anders gesagt, auf ein und demselben wirtschaftlichen oder technischen Entwicklungsstand 1 Dort finden sich auch die genauen Belege. Einführung 22 stets mehr als eine Weise der Organisation eines Eigentums- oder Grenzregimes, einer sozialen und politischen Ordnung, eines Steueroder Bildungssystems. Die zugrundeliegenden Entscheidungen sind politischer Natur. Sie sind abhängig von Kräfteverhältnissen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und herrschenden Weltanschauungen, und sie führen zu Ungleichheitsniveaus und -strukturen, die je nach Gesellschaft und Epoche extrem unterschiedlich sind. Alle Wohlstandsbildung in der Geschichte ist Resultat kollektiver Prozesse: Sie hängt von der internationalen Arbeitsteilung, der Nutzung natürlicher Ressourcen des Planeten und der Akkumulation von Kenntnissen seit den Anfängen der Menschheit ab. Menschliche Gesellschaften erfinden unablässig Regeln und Institutionen, um sich zu organisieren, um Reichtum und Macht zu verteilen. Aber stets treffen sie dabei politische und reversible Entscheidungen. Die zweite Lehre lautet, dass es seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine langfristige Tendenz zu mehr Gleichheit gibt. Dieser lange Weg zur Gleichheit ist die Konsequenz des Aufbegehrens gegen Ungerechtigkeiten und sozialer Kämpfe, die es möglich gemacht haben, Kräfteverhältnisse zu verändern und Institutionen zu stürzen, über die die von sozialer Ungleichheit profitierenden herrschenden Klassen ihre schützende Hand halten, um sie durch neue, emanzipatorische, für die Mehrheit gerechtere soziale, ökonomische, politische Regeln zu ersetzen. Bei grundlegenden Veränderungen in der Geschichte der Ungleichheitsregime spielen soziale Konflikte und fundamentale politische Krisen eine tragende Rolle. Es sind die Bauernaufstände von 1788/89 und die Ereignisse der Französischen Revolution, die zur Abschaffung der Adelsprivilegien führen. Und nicht das Geflüster hinter vorgehaltener Hand in Pariser Salons, sondern der Sklavenaufstand von Saint-Domingue von 1791 läutet das Ende des atlantischen Sklavenhandels ein. Im 20. Jahrhundert haben soziale und gewerkschaftliche Mobilisierungen eine maßgebliche Rolle bei der Schaffung neuer Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit und beim Abbau von Ungleichheiten gespielt. Die beiden Weltkriege können ihrerseits als Konsequenz sozialer Spannungen und Widersprüche gelten, wie sie mit der unerträglichen Ungleichheit einhergingen, die vor 1914 auf nationaler wie internationaler Ebene herrschte. In den Vereinigten Das Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit 23 Staaten war ein mörderischer Bürgerkrieg nötig, um 1865 dem Sklavenhaltersystem ein Ende zu setzen. Und ein Jahrhundert später, 1965, wird es nur durch eine sehr starke afroamerikanische Mobilisierung gelingen, das System der legalen «Rassen»-Diskriminierung abzuschaffen (ohne darum schon den illegalen, aber bis heute ganz realen Diskriminierungen Einhalt zu gebieten). Die Beispiele sind Legion: In den 1950er und 1960er Jahren spielen die Unabhängigkeitskriege eine Schlüsselrolle bei der Überwindung des europäischen Kolonialismus; erst jahrzehntelange Unruhen und Mobilisierungen führen 1994 zum Ende der südafrikanischen Apartheid, und so weiter. Neben Revolutionen, Kriegen und Aufständen sind häufig Wirtschafts- und Finanzkrisen die Schlüsselmomente, in denen sich soziale Konflikte herauskristallisieren und Kräfteverhältnisse neu definiert werden. Die Krise der 1930er Jahre trägt maßgeblich zur anhaltenden Delegitimierung des Wirtschaftsliberalismus und zur Rechtfertigung neuer Formen staatlicher Intervention bei. In jüngerer Vergangenheit haben die Finanzkrise von 2008 und die Krise der weltweiten Pandemie schon begonnen, eine Reihe von Gewissheiten zu erschüttern, die gerade noch unantastbar schienen, etwa über die annehmbare Höhe von Staatsschulden und die Funktion von Zentralbanken. Eine lokalere, aber symptomatische Rolle hat der Aufstand der «Gelbwesten» gespielt, der 2018 in Frankreich die Regierung zwang, ihre besonders inegalitären Pläne zur Erhöhung der Benzinsteuer aufzugeben. Und zu Beginn der 2020er Jahre haben Bewegungen wie Black Lives Matter, #MeToo und Fridays for Future ihre eindrucksvolle, grenz- und generationsübergreifende Mobilisierungskraft im Kampf gegen «Rassen»-, Geschlechter- und Klimaungleichheiten unter Beweis gestellt. In Anbetracht der sozialen und ökologischen Widersprüche des gegenwärtigen Wirtschaftssystems werden Aufstände, Konflikte und Krisen wohl auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen, unter Bedingungen, die sich nicht exakt vorhersagen lassen. Das Ende der Geschichte ist nicht in Sicht. Der Weg zur Gleichheit ist noch lang, vor allem in einer Welt, in der die Ärmsten (und namentlich die Ärmsten der ärmsten Länder) mehr und mehr unter Klima- und Umweltschäden werden leiden müssen, die sie der Lebensweise der Reichsten verdanken. Aber Kämpfe und Kräfteverschiebungen, auch das lehrt die Ge- Einführung 24 schichte, reichen nicht aus. Sie sind eine notwendige Bedingung der Entmachtung inegalitärer Institutionen und herrschender Mächte, aber sie bieten leider keine Gewähr dafür, dass die neuen Institutionen und Mächte, die an ihre Stelle treten, auch wirklich so egalitär und emanzipatorisch sind wie erhofft. Der Grund ist einfach. So leicht es ist, den inegalitären oder repressiven Charakter bestehender Institutionen und Regierungen anzuprangern, so schwierig ist es, sich auf alternative Institutionen zu verständigen, die wirklich mehr soziale, wirtschaftliche und politische Gleichheit schaffen und zugleich individuelle Rechte und das Recht jeder und jedes Einzelnen auf Andersartigkeit respektieren. Die Aufgabe ist nicht unmöglich, im Gegenteil, aber sie erfordert Bereitschaft zur Abwägung, zur Auseinandersetzung mit anderen Standpunkten, zur Dezentralisierung, zum Kompromiss, zum Wagnis. Sie erfordert die Einsicht, dass man aus historischen Verläufen und der Erfahrung anderer lernen kann. Und vor allem erfordert sie die Einsicht, dass nicht im Voraus feststeht und darum debattiert werden muss, wie die gerechten Institutionen denn eigentlich aussehen sollen. Wie wir sehen werden, hat sich der Weg zur Gleichheit seit dem 18. Jahrhundert auf die Entwicklung einer Reihe institutioneller Errungenschaften gestützt, die als solche untersucht werden müssen: Gleichheit vor dem Recht; allgemeines Wahlrecht und parlamentarische Demokratie; kostenlose und obligatorische Schuldbildung; allgemeine Krankenversicherung; progressive Einkommen-, Erbschaft- und Vermögensteuer; Mitbestimmung und Gewerkschaftsrecht; Pressefreiheit; internationales Recht; und so weiter. Keine dieser Einrichtung hat eine ein für alle Mal anerkannte Form angenommen, jede kommt eher einem zerbrechlichen, ungesicherten, vorläufigen, sich ständig neu bestimmenden Kompromiss gleich, der aus spezifischen sozialen Konflikten und Mobilisierungen, aus genommenen oder verpassten Abzweigungen, aus besonderen historischen Momenten hervorgegangen ist. Und jede krankt an vielfältigen Unzulänglichkeiten, jede muss stets wieder infrage gestellt, ergänzt und durch andere ersetzt werden. Formale Rechtsgleichheit, wie wir sie derzeit fast überall haben, schließt massive Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Geschlecht nicht aus; die repräsentative Demokra- Die Kräfteverhältnisse sind nicht alles 25 tie ist nur eine unter den unvollkommenen Formen politischer Teilhabe; die Ungleichheit des Zugangs zu Bildung und Gesundheitsversorgung bleibt immens; progressive Steuer und Umverteilung sind auf nationaler wie internationaler Ebene von Grund auf zu überdenken; die Machtverteilung in Unternehmen steckt noch in den Kinderschuhen; dass die Medien fast ausnahmslos ein paar Oligarchen gehören, kann schwerlich als vollkommenste Form der Pressefreiheit gelten; das internationale Rechtssystem, das auf unkontrolliertem Kapitalverkehr ohne soziale oder klimatische Zielvorgaben beruht, kommt meist einem Neokolonialismus zugunsten der Reichsten gleich; und so weiter. Um bestehende Institutionen zu erschüttern und neu zu definieren, wird es auch künftig Krisen und Kräfteverschiebungen, aber zugleich kollektive Lern-, Aneignungs- und Mobilisierungsprozesse durch neue politischer Programme und institutionelle Ansätze brauchen, die durch unterschiedliche Dispositive der Gewinnung und Verbreitung von Erkenntnissen und Erfahrungen auf den Weg gebracht werden müssen: Parteien und Gewerkschaften, Schulen und Bücher, Bewegungen und Begegnungen, Zeitungen und Medien. Natürlich spielen innerhalb dieses Ganzen die Sozialwissenschaften eine Rolle, die freilich nicht überschätzt werden sollte: Es sind die sozialen Aneignungsprozesse, die am wichtigsten sind, und sie werden auch und vor allem durch kollektive Organisationen möglich, deren Formen ihrerseits neu zu erfinden sind. Die Kräfteverhältnisse sind nicht alles Es sind daher zwei komplementäre Klippen, die es zu umschiffen gilt: Die Rolle der Kämpfe und Kräfteverhältnisse in der Geschichte der Gleichheit darf einerseits nicht vernachlässigt, andererseits nicht verabsolutiert werden, um darüber die Bedeutung der institutionellen und politischen Perspektiven wie der Ideen und Ideologien, die solche Perspektiven eröffnen, zu unterschätzen. Der Widerstand der Eliten ist ein unausweichliches Faktum, in der heutigen Epoche (mit ihren transnational operierenden Milliardären, die reicher als ganze Staaten sind) mindestens so sehr wie zu Zeiten der Französischen Revolution. [...]

Nichts könnte diese beiden Klippen besser veranschaulichen als die Erfahrung des Sowjetkommunismus (1917–1991), ein Großereignis, das sich über das 20. Jahrhundert erstreckt und es in gewisser Weise definiert. Einerseits waren es durchaus Kräfteverschiebungen und erbitterte soziale Kämpfe, die es den bolschewistischen Revolutionären erlaubt hatten, das zaristische Regime durch den ersten «Arbeiterstaat» der Geschichte zu ersetzen, einen Staat, der zunächst beachtliche Fortschritte im Bildungs- und Gesundheitssystem wie im Industriesektor verzeichnen konnte und zudem erheblichen Anteil am Sieg über den Nationalsozialismus hatte. Auch ist keineswegs ausgemacht, dass ohne den Druck der UdSSR und der kommunistischen Internationale die besitzenden Klassen des Westens die Sozialversicherung und die progressive Steuer, die Dekolonisierung und die Bürgerrechte einfach hingenommen hätten. Auf der anderen Seite sind es die Verherrlichung der Kräfteverhältnisse und die unter den Bolschewiki Die Kräfteverhältnisse sind nicht alles 27 herrschende Gewissheit, im Besitz der einen und einzigen Wahrheit über die gerechten Institutionen zu sein, die zu dem allseits bekannten totalitären Desaster geführt haben. [...]

Ich werde versuchen, beide Klippen zu umschiffen: Die Kräfteverhältnisse dürfen weder vernachlässigt noch überbewertet werden. Soziale Kämpfe spielen eine Schlüsselrolle in der Geschichte der Gleichheit, aber die Frage der gerechten Institutionen und der egalitären Debatten, in denen sie nur geklärt werden kann, muss ebenso ernst genommen werden. Es ist nicht immer ganz leicht, eine Balance zwischen diesen beiden Aspekten zu finden: Legt man zu großen Nachdruck auf die Kräfteverhältnisse und sozialen Kämpfe, gerät man in den Verdacht, dem Manichäismus zu verfallen und die Frage der Ideen und Inhalte zu vernachlässigen. Konzentriert man sich dagegen auf die ideologischen und programmatischen Schwächen der Koalition für Gleichheit, gerät man in den Verdacht, sie zu schwächen und den kurzsichtigen Egoismus der herrschenden Klassen (der freilich oft offensichtlich ist) zu unterschätzen. Ich werde mein Bestes tun, in keine der beiden Fallen zu tappen, aber ich bin nicht sicher, ob mir dies stets gelingen wird und bitte Leserinnen und Leser im Voraus um Nachsicht"

(https://beckassets.blob.core.windows.net/productattachment/readingsample/15019993/33757016_leseprobe%20eine%20kurze%20geschichte%20der%20gleichheit.pdf)

 

Sonntag, 6. November 2022

Der Kampf gegen die Klimakrise in Afrika

 Es ist ein Skandal, aber die meisten haben sich schon längst daran gewöhnt. Deshalb ist es wichtig, immer wieder deutlich darauf hinzuweisen, bis der Skandal abgeschafft ist:

"Obwohl Afrika fast 39 Prozent des globalen Potenzials für saubere Energie hat, erhält es nur 2 Prozent der weltweiten Investitionen dafür.

Statt das zu ändern, fließt weiterhin viel Kapital nach Afrika, um fossile Brennstoffprojekte von Konzernen aus dem globalen Norden zu finanzieren. Die Brennstoffe und die Gewinne daraus werden unvermeidlich zurück In den reichen Teil der Welt geleitet – und lassen die lokalen Gemeinschaften mit wenig mehr zurück als der Umweltverschmutzung und der Verdrängung vieler Anwohner, wie sie diese Projekte nun mal hervorrufen [...]" (FREITAGS KEINE DEMO Von Vanessa Nakate Die ZEIT, 45/2022, 3.11.22)

Über Vanessa Nakate

 "France 24 bezeichnete sie Ende Oktober 2021 als „Sprachrohr Afrikas“.[14] Gemeinsam mit Thunberg veröffentlichte sie im Oktober 2021 einen Beitrag im Nachrichtenmagazin Time, in dem die beiden Journalisten aufforderten, mehr über die Klimakrise zu berichten.[15][16]

Im Januar 2020 war sie beim Weltwirtschaftsforum in Davos anwesend. Bei einer Pressekonferenz sagte sie dort, dass es nicht genug sei, dass die Wirtschaftselite Aktivistinnen wie ihr zuhöre, sondern sie auch handeln müssten, wenn sie die Aktivisten nicht ignorieren wollten.[17] Ein Foto in einem Artikel der Presseagentur Associated Press (AP) über die in Davos anwesenden Klimaaktivistinnen wurde so beschnitten, dass Nakate, die eigentlich am linken Rand eines Pressebilds zu sehen war, nicht mehr abgebildet war. Das Bild wurde von der AP an Zeitungsverlage weiterverkauft, die nun ebenfalls dieses Bild in der zugeschnittenen Version verwendeten. Das Vorgehen löste eine Rassismusdebatte aus, da Vanessa Nakate als einzige nichtweiße Aktivistin aus dem Bild entfernt wurde.[18][19] Nakate selbst äußerte sich auf Twitter dazu wie folgt: „Ihr habt nicht nur ein Foto gelöscht. Ihr habt einen Kontinent gelöscht.“[20] Die Presseagentur entschuldigte sich daraufhin bei ihr. (Wikipedia)

sieh auch: 

Vanessa Nakate: Unser Haus steht längst in Flammen. Warum Afrikas Stimme in der Klimakrise gehört werden muss. Mit Leseprobe

Ein Ausschnitt aus dieser Leseprobe:

"[...] Im Frühling, Sommer und Herbst 2018 waren die Nachrichten und meine Social-Media-Feeds voll mit Berichten über massive Überflutungen, die in Ostafrika ganze Landstriche zerstörten – von Dschibuti und Somalia bis Burundi und Ruanda. Der Anblick weggespülter Häuser,die Berichte über Hunderte Tote und noch viel mehr Menschen, die obdachlos geworden waren und dringend Schutz, Lebensmittel und medizinische Hilfe brauchten, waren herzzerreißend. Tausende Hektar Ernte waren zerstört worden. In Kenia, das im Osten an Uganda grenzt, kamen Tausende Ziegen, Schafe und Kühe in den Fluten um.

Ich sah Bilder von kleinen Kindern, die durch rotbraunes Wasser wateten, gefärbt vom Mutterboden, der von den umliegenden Hügeln geschwemmt worden war. Die Vereinten Nationen bezeichneten die Flut in Somalia, wo eine halbe Million Menschen betroffen war, als schlimmste, die die Region jemals erlebt hatte.

Auch mein Land blieb nicht verschont. Im Mai wurden Kalerwe und Bwaise überflutet, zwei Slums in Kampala. Die Stadt liegt am Ufer des Victoriasees, Afrikas größtem Binnengewässer, ungefähr 70 Kilometer nördlich des Äquators. Im Oktober kam es in den Bergregionen von Bukalasi und Buwali im Distrikt Bududa im Osten des Landes bedingt durch drei Tage mit heftigem Dauerregen zu Erdrutschen. Einundfünfzig Menschen starben und zwölftausend verloren ihre Häuser. Viele Straßen und vier Brücken wurden weggeschwemmt. Im Dorf Maludu begrub ein Erdrutsch eine Grundschule unter Schlamm, viele Kinder verloren ihr Leben.

Gleichzeitig blieb der Regen in der wasserarmen Region Karamoja im Nordosten Ugandas an der Grenze zu Nordkenia und dem Südsudan das zweite Jahr in Folge aus. Diese Ereignisse brachten das ugandische Ministerium für Finanzen, Planung und Wirtschaftsentwicklung zu der Feststellung, dass Dürren, unzuverlässige Regenfälle und verheerende Fluten «signifikante Auswirkungen auf die Bereiche Landwirtschaft, Produktion von Strom aus Wasserkraft, Wasserressourcen, menschliche Siedlungen und die Infrastruktur» hatten. Es würde, so das Ministerium weiter, zu «langfristigen Auswirkungen auf lang anhaltende Armut und zunehmende Ernährungsunsicherheit kommen» [...].

Der Independent aus GB schreibt dazu

Afrika zum Vorreiter machen 
"Auf Investitionen in grüne Energien hofft der Direktor des in Nairobi sitzenden Thinktanks Power Shift Africa, Mohamed Adow, in The Independent: „Wir haben jetzt die Möglichkeit, unsere zerstörerische Sucht nach schmutziger Energie abzuschütteln und das benötigte Geld in erneuerbare Energien auf der ganzen Welt zu investieren, einschließlich in Entwicklungsländer, die diese Investitionen am dringendsten benötigen. Afrika, der jüngste Kontinent der Welt, steht an der Schwelle zu einer durchschlagenden wirtschaftlichen Entwicklung. Aber diese Entwicklung muss von erneuerbaren Energien angetrieben werden, wenn wir den globalen Temperaturanstieg auf maximal 1,5 Grad begrenzen wollen. Afrika verfügt über all die Sonne und den Wind, den es braucht, um Vorreiter für saubere Energie zu sein.“

Dienstag, 2. November 2021

euro|topics: Klimakrise: Kann Cop26 das Ruder noch herumreißen?


Am Sonntag hat in Glasgow die 26. Weltklimakonferenz begonnen. Die Erwartungen sind ebenso groß wie die Skepsis: Die Gefahr, die von der Klimakrise ausgeht, wird inzwischen von den meisten Staatschefs anerkannt. Dennoch planen die Regierungen der Welt laut eines neuen Uno-Berichts bis 2030 doppelt so viel Öl, Gas und Kohle zu fördern, wie es das Pariser Abkommen zulässt.

EXPRESSO (PT)

Wir alle tragen Verantwortung

Expresso veröffentlicht zum Auftakt einen Appell von UN-Generalsekretär António Guterres:

„Alle Länder müssen begreifen, dass das alte Entwicklungsmodell, das auf Kohlendioxid basiert, ein Todesurteil für die Wirtschaft und für unseren Planeten ist. Wir müssen entkarbonisieren – in allen Sektoren, in allen Ländern. Wir müssen die Subventionen fossiler Brennstoffe in die erneuerbaren Energien umleiten und nicht die Menschen, sondern die Verschmutzung steuerlich belasten. Wir müssen einen Preis für Kohlendioxid festlegen und diese Einnahmen in widerstandsfähige Infrastrukturen und Arbeitsplätze stecken. Und wir müssen den Kohleabbau beenden. ... Die Menschen erwarten zu Recht, dass die Regierungen voran gehen. Aber wir alle tragen Verantwortung, unsere gemeinsame Zukunft zu schützen.“

António Guterres
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LE HUFFPOST (FR)

Ein verlogenes Pokerspiel

Das übliche gegenseitige Belauern und Spekulieren ist maximal schädlich, meint Le HuffPost:

„Jedes Land wird versuchen, ein bisschen etwas zu geben und gleichzeitig seine Trümpfe zu behalten: Ein großer Kohleproduzent (wie China) wird nicht vorschlagen, seine Kohleförderung zu reduzieren, um seinen Arbeitsmarkt nicht zu untergraben. Am Verhandlungstisch versucht also jeder, sich selbst zu schützen, während er beobachtet, welche Karten seine Nachbarn spielen. Erst dann entscheidet er, ob er ihnen folgt oder nicht. Das Ergebnis sind Versprechungen und vor allem Taten, die angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, viel zu zaghaft sind.“

Matthieu Balu
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PRAVDA (SK)

Ohne politischen Willen kippt das Klima

Sorgenvoll sieht auch Pravda nach Glasgow:

„Vor zwei Jahren noch schickten Politiker, Konzerne und die Öffentlichkeit ein wütendes schwedisches Mädchen 'zurück in die Schule' und forderten sie auf, die Bedrohung durch die globale Erwärmung Experten zu überlassen. Heute sind sie bestenfalls still, schlimmstenfalls roden sie weiter den Amazonas-Regenwald. In Glasgow wird nun von einer 'existenziellen Bedrohung' die Rede sein. Aber der politische Wille der größten industriellen Verschmutzer, die Bedrohung abzuwenden, ist nicht zu erwarten. Wir müssen uns die Worte, die unter anderen der amtierende Papst an die Konferenz gerichtet hat, zu Herzen nehmen und radikale Veränderungen vornehmen.“

Silvia Ruppeldtová
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DE MORGEN (BE)

Wir brauchen Optimismus

Wir brauchen Klima-Optimismus, fordert De Morgen:

„Regierungen müssen Politik machen, um die schönen Pläne [der EU] zu verwirklichen. Die Angst vor dem Widerstand der Bürger ist groß. In jedem Land und jeder Provinz steht eine populistische Formation bereit, um die Ernte des Widerstandes einzufahren. Die heutige Energiekrise und die daraus resultierende steigende Preisinflation sind ein wichtiger Test. Wenn es Regierungen nun nicht überzeugend gelingt, ihre Bürger vor den größten finanziellen und wirtschaftlichen Risiken einer Energiewende zu schützen, dann wird das Vertrauen, dass das in der Zukunft gelingen wird, schmelzen - gemeinsam mit dem Eis der Pole.“

Bart Eeckhout
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THE IRISH TIMES (IE)

Nicht immer von letzter Chance sprechen

Auch späte oder kleine Schritte zur Begrenzung des Klimawandels sind besser als gar keine, betont The Irish Times:

„Wenn wir es so darstellen, dass Cop26 die letzte beste Chance für Veränderungen sei, riskieren wir, die Konferenz zum Scheitern zu bringen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Vielmehr sollten wir sie als neueste Etappe auf dem Weg zu einer saubereren, nachhaltigeren Welt sehen. Wenn wir Cop26 als unsere letzte Chance betrachten, missverstehen wir die grundsätzliche Herausforderung durch den Klimawandel. Es gibt nie eine letzte Chance, eine Klippe oder einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Jeder Bruchteil eines Grades der Erwärmung ist wichtig. Jede ausgestoßene Tonne Treibhausgas ist wichtig. Jeder Schritt, den wir gehen – oder nicht –, ist wichtig.“

Diarmuid Torney
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