Grass hat ein politisches Gedicht geschrieben, das Christoph Sydow darauf prüft, ob die darin angenommenen Voraussetzungen (er nennt sie "Thesen") auch wirklich zutreffen. Er tut es unter dem Titel "So falsch liegt Günter Grass". Nach seiner Darstellung sind von den 8 Annahmen von Grass 6 mehr oder minder korrekt.
Es bleiben also noch zwei Thesen übrig.
Zur ersten: Den Satz "das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig" deutet Sydow als These "Wer diese Sachverhalte benennt, gerät unter Antisemitismusverdacht." Grass unterstellt freilich nicht, dass jeder, der so etwas sagt, also etwa auch regimekritische Israelis, unter Antisemitismusverdacht geriete, sondern nur, dass bei Angriffen auf die Politik des Staates Israel das Verdikt "Antisemitismus" nahe liegt. Die Reaktion auf sein Gedicht - hier kann man von self-fulfilling prophecy sprechen - bestätigt seine Behauptung.
Zur zweiten These: Ein Erstschlag könnte "das iranische Volk auslöschen".
Woher bezieht Sydow die Sicherheit, dass ein atomarer Erstschlag keinen Atomkrieg auslösen kann, in dem dann mehr Völker als nur das iranische ausgelöscht werden könnten?
Hat die Abschreckungsstrategie jahrzehntelang nur deshalb funktioniert, weil Militärs und Politikern gar nicht klar, war, dass ein atomarer Erstschlag gar keinen allgemeinen Atomkrieg auslösen kann?
Anscheinend liegt Grass also gar nicht so falsch, sondern ganz erheblich weniger.
Meine Kritik an Grass' Gedicht ist eine ganz andere:
Er schreibt in einem Gedicht etwas, was in anderer Form schon öfter gesagt wurde, und nennt dann dies Gedicht "Was gesagt werden muss". Es wäre präziser gewesen, wenn er es etwa wie folgt betitelt hätte:
"Was endlich auch der Nobelpreisträger Günter Grass in ein Gedicht schreiben muss, damit es weltweit wahrgenommen wird".
Ich unterstelle ihm, er tat es aus Bescheidenheit nicht.
Oder liege ich damit etwa falsch?
Wenn einen Sydows Vorstellungen wenig interessieren: Hier gibt's noch etwas anderes zu Grass und zu Broder.
Die ARD hat ein 27-minütiges Interview mit Grass zu den von ihm im Gedicht angesprochenen Fragen gesendet, das hier nachzuhören und -sehen ist. Argumentativ scheint es mir weit weniger stimmig als das Gedicht, doch nutzt er die Gelegenheit des Medieninteresses, um weitere Fragen anzusprechen, die ihm auf dem Herzen liegen.
Die Hauptpunkte, die er nennt, sind folgende:
Netanjahu droht mit einem Angriff auf den Iran.
Israel ist eine Atommacht.
Die Bundesrepublik liefert ihr ein 6. U-boot, obwohl an sich ein Verbot, Waffen in Krisengebiete zu liefern, besteht.
Die Siedlungspolitik Israels ist geeignet, die Spannungen im Nahen Osten zu vermehren.
Diese Punkte halte ich durchweg für eine zutreffende Beschreibung der Situation. Aus deutscher Sicht besteht vor allem bei der Abstellung des Rüstungsexportes in Krisengebiete Handlungsbedarf.
Dieser Punkt geht in der allgemenen Aufregung leider unter.
Nachtrag vom 3.6.12:
Meldung von Spiegel online: Von Deutschland nach Israel gelieferte U-boote wurden mit Atomwaffen bestückt.
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Donnerstag, 5. April 2012
Donnerstag, 12. Juli 2007
"Parteieintritte" mit 16 Jahren
Dass man es damals 16jährigen nicht als Schuld zuschreiben kann, wenn sie in die Partei aufgenommen, zur Waffen-SS eingezogen oder als Flakhelfer rekrutiert wurden, war mir schon vorher klar. Dass solche Schuldzuweisungen nur von Leuten kommen können, die sich über die damaligen Zeitumstände nicht klar sind, auch. (Der Fall Grass unterscheidet sich davon, freilich auch nicht wesentlich.)
Erst durch einen Beitrag des Dramatikers Rolf Hochhuth wird mir aber deutlich, wie lebensgefährlich es war, so in die Fänge der NSDAP zu geraten. Rolf Hochhuths Bruder entkam dem Einzug zur Waffen-SS nur, weil er - vorgewarnt - sich zwei Stunden vorher "freiwillig" bei der Infanterie meldete. Von seinen zur Waffen-SS eingezogenen Mitschülern überlebte keiner.
1943 erlebte Hochhuth, wie die Obersekundaner (11. Klasse) in der Aula der Schule feierlich als Flakhelfer verabschiedet wurden. 14 Tage darauf war er dann bei der Feierstunde dabei, bei der 18 Gefallene von den 23 Eingezogenen geehrt wurden.
Die Parteimitgliedschaft war nicht so lebensgefährlich. So kommen jetzt immer mehr kritische Intellektuelle im Alter von etwa 80 dazu, sich als Mitläufer oder Schlimmeres denunzieren zu lassen. Freilich ist das vergleichsweise harmlos, wenn man es damit vergleicht, was es bedeutet hätte, für die NS-Kriegsmaschine verheizt worden zu sein.
Zur Möglichkeit, sich dem Wehrdienst zu entziehen, verweist Hochhuth darauf, dass in der deutschen Wehrmacht 20 000 Todesurteile gab (im Vergleich zu 40 in der kaiserlichen Armee von 1914-1918 und keinem Todesurteil in der britischen Armee des 2. Weltkriegs).
Erst durch einen Beitrag des Dramatikers Rolf Hochhuth wird mir aber deutlich, wie lebensgefährlich es war, so in die Fänge der NSDAP zu geraten. Rolf Hochhuths Bruder entkam dem Einzug zur Waffen-SS nur, weil er - vorgewarnt - sich zwei Stunden vorher "freiwillig" bei der Infanterie meldete. Von seinen zur Waffen-SS eingezogenen Mitschülern überlebte keiner.
1943 erlebte Hochhuth, wie die Obersekundaner (11. Klasse) in der Aula der Schule feierlich als Flakhelfer verabschiedet wurden. 14 Tage darauf war er dann bei der Feierstunde dabei, bei der 18 Gefallene von den 23 Eingezogenen geehrt wurden.
Die Parteimitgliedschaft war nicht so lebensgefährlich. So kommen jetzt immer mehr kritische Intellektuelle im Alter von etwa 80 dazu, sich als Mitläufer oder Schlimmeres denunzieren zu lassen. Freilich ist das vergleichsweise harmlos, wenn man es damit vergleicht, was es bedeutet hätte, für die NS-Kriegsmaschine verheizt worden zu sein.
Zur Möglichkeit, sich dem Wehrdienst zu entziehen, verweist Hochhuth darauf, dass in der deutschen Wehrmacht 20 000 Todesurteile gab (im Vergleich zu 40 in der kaiserlichen Armee von 1914-1918 und keinem Todesurteil in der britischen Armee des 2. Weltkriegs).
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