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Mittwoch, 19. März 2025

euro|topics: Bundestag billigt mehr Schulden und Sondervermögen

 

Nach einer kontroversen Debatte hat der Bundestag am Dienstag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit eine Reform der im Grundgesetz festgelegten Schuldenbremse beschlossen. Damit können nun die Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit erhöht und ein Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz eingerichtet werden – sofern der Bundesrat am Freitag ebenfalls zustimmt. Unterschiedliche Bewertungen in der Presse.

La Stampa (IT)

Den Umständen entsprechend gehandelt

La Stampa begrüßt die Entscheidung:

„Seit der Einführung des Euro wurde den deutschen Regierungen stets eine zu vorsichtige Finanzpolitik vorgeworfen. Es wird weithin angenommen, dass dies Deutschland daran gehindert hat, seine öffentliche Infrastruktur zu erneuern und zudem das Wachstum der Gesamtnachfrage auf europäischer Ebene begrenzt hat. Die Kritik kommt nicht nur von Ökonomen, sondern auch von Politikern in traditionell weniger tugendhaften Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien. Gestern hat der Bundestag einen bedeutsamen Durchbruch erzielt. ... Diese Reform zeigt, dass die Deutschen angesichts außergewöhnlicher Situationen bereit sind, von den Grundsätzen der Haushaltsdisziplin abzuweichen.“

Pietro Reichlin
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Neue Zürcher Zeitung (CH)

Jetzt sind Ergebnisse geboten

Die Neue Zürcher Zeitung sieht bei der künftigen Regierung eine enorme Bringschuld:

„Politik ist nicht schon dann wirksam, wenn sie auf dem Papier formuliert worden ist. Der Kraftakt liegt in der Umsetzung. Wenn die schwarz-rote Koalition das prekär gewordene Vertrauen in die deutsche Demokratie stabilisieren will, muss sie sich zu einer brutalen Ergebnisorientierung zwingen. Nur wenn die Bundeswehr wirklich wächst, nur wenn die Bahn tatsächlich wieder pünktlich fährt, nur wenn die Wirtschaft von ihren bürokratischen Fesseln befreit wird, und nur wenn die illegale Einwanderung erkennbar zurückgeht, kann sie ihre politische Hypothek bis 2029 tilgen.“

Susanne Gaschke
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Welt (DE)

Die Handschrift von Rot-Grün

Kanzlerkandidat Friedrich Merz zahlt einen sehr hohen Preis für eine Regierungsbildung, stellt die Welt fest:

„Der Super-Schulden-Deal ist genau das, was SPD und Grüne in der Zeit der Ampel-Koalition immer gewollt haben – und was FDP und Union aus gutem Grund verhindert hatten. Dieser Deal, der nun durch die Grundgesetzänderung möglich geworden ist, trägt die Handschrift von Rot-Grün – jener Restkoalition, die vor nicht mal einem Monat von den Wählern krachend abgewählt wurde. Selten haben SPD und Grüne so viel bewegt wie im Angesicht dieser Niederlage. Und was hat die Union dafür bekommen? Wenig. Viel zu wenig.“

Nikolaus Doll
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The Conversation (FR)

Ewiger Bremsklotz Haushaltsdisziplin

Ohne Veränderung auf ideologischer Ebene bleibt ein großer Wirtschaftsaufschwung unrealistisch, urteilt der Wirtschaftsexperte Serge Besanger in The Conversation:

„Der Erfolg des Vorhabens wird von [Merz'] Fähigkeit abhängen, in einem zunehmend unsicheren Umfeld Wachstum und Haushaltsdisziplin in ein Gleichgewicht zu bringen. … In Frankreich bleibt der Einfluss der keynesianischen Theorien vorherrschend. ... Im Gegensatz dazu steht Deutschland seit Langem in einer Tradition der Haushaltsdisziplin und fiskalischen Strenge. ... Solange diese ordoliberale Doktrin überwiegt, wäre es illusorisch, auf eine starke deutsche Wirtschaftsankurbelung zu hoffen, die auf massiven Staatsausgaben beruht.“

Serge Besanger
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Mittwoch, 12. Juni 2024

Ist die Zeit für Kompromisse vorbei?

 "[...] Bundeskanzler Olaf Scholz kritisierte das Fernbleiben der beiden Parteien [AfD u. BSW]. Dieses Verhalten sei eine "Respektlosigkeit", sagte ein Regierungssprecher dem ARD-Hauptstadtstudio. Scholz sei darüber "sehr verstört, aber nicht überrascht". Auch CDU-Chef Friedrich Merz kritisierte die Politiker. Er sei einigermaßen entsetzt, sagte Merz. "Man kann ja über die Hilfe für die Ukraine unterschiedlicher Meinung sein", sagte er. "Aber dass man als Abgeordneter im Deutschen Bundestag dem Staatspräsidenten dieses vom Krieg bedrohten Landes den Respekt versagt, ist ein wirklicher Tiefpunkt in der Kultur unseres Parlaments."

https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-06/ukraine-krieg-afd-bsw-wolodymyr-selenskyj-rede-bundestag-unterstuetzung (ZEIT online 11.6.24)

Aus meiner Sicht hat Selenskyj jedes Recht in der äußerst prekären Kriegssituation, um sein Land zusammenzuhalten, nach außen hin an dem Ziel eines Sieges über Russland festzuhalten. 

Wenn aber in der gegenwärtigen Situation die Bundestagsabgeordneten ihm - wie ich höre -  auf diese Rede hin eine stehende Ovation bereiten, so ist dies aus meiner Sicht "ein wirklicher Tiefpunkt in der Kultur unseres Parlaments". An einem Ziel festzuhalten, zu dem es keinen irgendwie realistischen Weg gibt, ist heroisch. Es geziemt jemandem, der in einer verzweifelten Lage ist. Man kann auch zu ihm stehen, gerade weil er das Unmögliche will.

Aber wissentlich einem Plan, der für seine Verwirklichung Hunderttausende von Menschenleben kosten wird (ohne dass - wie im Zweiten Weltkrieg der Plan der Alliierten - eine realistische Verwirklichungs-Chance besteht), zu applaudieren, das scheint mir eine Nichtachtung der Menschenwürde der Opfer die dieser Plan kosten wird. Zu einer solchen Haltung hat sich Wolfgang Borchert sehr deutlich geäußert: "Sag NEIN!"

Mit seiner Äußerung hat Olav Scholz die Glaubwürdigkeit seines Zögerns bei der Waffenhilfe zerstört.

Europäische Stimmen bieten eine Erklärung für die fragwürdige Unterstützung des unrealistischen Zieles:

EU-Wahl: Wackelt die Unterstützung für Kyjiw? (euro|topics 12. Juni 2024) 

Dramatische Schwächung im Zentrum

Das Ergebnis ist keine gute Nachricht für Kyjiw, fürchtet The Spectator:

„Die Europawahl mag belanglos erscheinen, da das EU-Parlament und die künftige Kommission in den Händen derselben zentristischen paneuropäischen Koalition bleiben. ... Aber das ist ein Trugschluss. Hinter der scheinbaren Stabilität in der Summe verbirgt sich eine Menge politischer Umwälzungen auf nationaler Ebene, nicht zuletzt eine dramatische Schwächung der beiden wichtigsten Motoren europäischer Politikgestaltung: Berlin und Paris. Den Europäern, und insbesondere den Ukrainern, könnten die Folgen missfallen.“

Moskau freut sich über Erfolg der Rechtsextremen

Das Wahlergebnis ist ein gefundenes Fressen für russische Propaganda, beobachtet Corriere della Sera:

„Die pro-ukrainische Mehrheit hat sich zwar im Wesentlichen gehalten, aber der Vormarsch der extremen Rechten hat in Russland einen Zustand der Euphorie ausgelöst. … Der erste, der sein Glas erhob, war Marat Baschirow, selbsternannter Premier der Volksrepublik Lugansk. … Die Wahlen seien der Beweis dafür, dass die Menschen in Europa nicht gegen Russland kämpfen wollen. Die Niederlagen von Macron und Scholz, so [Russlands Ex-Premier] Dmitri Medwedew, seien 'ein Spiegelbild ihrer untauglichen Politik der Unterstützung der ukrainischen Regierung'.“

Bitte keinen Alarmismus!

Nicht nur von Rechtsaußen droht die Unterstützung zu wackeln, merkt Berlingske an:

„Wenn sie die Hilfe für die Ukraine kürzen wollen, müssen wir wachsam sein und uns auch daran erinnern, dass der populistische Pazifismus ebenso die Linke im Griff hat. Schauen Sie sich nur Olaf Scholz an, der sich im Wahlkampf als 'Friedenskanzler' vermarktet hat. Umgekehrt ist nicht jeder auf der rechten Seite von Putins Anliegen überzeugt – insbesondere die Italienerin Giorgia Meloni hat sich als wichtige Unterstützerin der Ukraine erwiesen. Daher darf die Reaktion auf die Wahl zum EU-Parlament nicht aus reinem Alarmismus bestehen. Der EU-Gipfel muss die Ergebnisse richtig interpretieren und auch lernen, auf die Populisten zu hören.“

Gerechtfertigt ist sie meiner Meinung nach dadurch nicht. (Fonty)

Montag, 19. September 2016

Verzögert sich die Selbstaufgabe des Bundestags?

Seit Monaten hört man über das Ceta-Abkommen Folgendes: Jede Veränderung der Umweltgesetzgebung, die die Gewinnerwartungen kanadischer Unternehmen stören könnte, kann zu einer Klage gegen die Bundesrepublik führen. Üblicherweise geht es in solchen Fällen um zwei bis dreistellige Millionenbeträge, wenn nicht um mehrere Milliarden.

Der Vertrag würde also bedeuten, dass die Bundesrepublik ihren internationalen Verpflichtungen zum Umweltschutz (UN-Klimakonferenz in Paris 2015) nicht nachkommen kann, weil alle dafür nötig werden den Gesetze zu hohen Schadenersatzforderungen führen würden.

Das heißt, mit Ceta gäbe der Bundestag sein Recht auf Gesetzgebung im Bereich des Umweltschutzes auf. (dazu vgl. den Erklärfilm von Campact)
Meiner Kenntnis nach ist das beim allem sonstigen Hochjubeln des Vertrags nie dementiert worden.

Beim SPD-Parteikonvent ist laut ZEIT online Folgendes geschehen:

"So verzichtete Gabriel auf die Forderung, einzelne Bestandteile des Abkommens bereits ab Oktober und damit vor Inkrafttreten von Ceta anzuwenden. Stattdessen soll das Europaparlament einen Konsultationsprozess starten, an dem auch die nationalen Parlamente und die Zivilgesellschaft beteiligt werden sollen. Geklärt werden soll, welche Teile des Abkommens in nationale und welche in europäische Zuständigkeit fallen. Damit könnte sich die Anwendung des Freihandelsabkommens deutlich verzögern. "Wir haben noch ein Stück des Weges vor uns", sagte Gabriel nach der Abstimmung." (Hervorhebung von Fonty)

Das einzige, was er versprochen hat ist also eine Verzögerung der Beendigung des Rechts auf Verbesserung des Umweltschutzes. Das "Stück des Weges", das vor der SPD liegt, ist die vermutlich Selbstaufgabe des Bundestages.
Ich würde gern widerlegt; aber dafür scheint es zu spät zu sein.

Die Kampagne-Organisation Campact schreibt dazu:


"Die Grundwerte-Kommission, die Juristen, die Jusos, mehrere SPD-Landesverbände, der Arbeitnehmerflügel, die SPD-Frauen und zahlreiche Landes- und Kreisverbände –sie alle hatten klargestellt, dass CETA die roten Linien reißt, die die SPD gezogen hatte. Dennoch haben die Delegierten des kleinen SPD-Parteitags dem Antrag des Parteivorstands zugestimmt.

Nun befürwortet die SPD die Zustimmung zum vorliegenden CETA-Vertragstext im Ministerrat. Und will sogar die vorläufige Anwendung des Abkommens, wenn auch ohne das Kapitel über den Investitionsschutz. Diese Entscheidung ist sehr enttäuschend und nicht nachvollziehbar. Schließlich sagt selbst die Parteiführung um Sigmar Gabriel, dass CETA große Schwächen hat. Die SPD gibt also ohne Not ihr einziges wirkungsvolles Druckmittel aus der Hand, die EU-Kommission zu Nachverhandlungen zu bringen. [...]
Die Auseinandersetzung um CETA wird von uns allen einen langen Atem erfordern. Ja, es könnte sogar noch Jahre dauern, bis es uns gelingt, das Abkommen zu stoppen. Wenn wir aber dranbleiben, schaffen wir das auch."

mehr dazu: 

Eine Kolumne von Oskar Lafontaine (zu der ich leider keinen Link setzen kann):
„Für viele ist nur ein totes CETA ein gutes CETA. Sie sind traumatisiert von den neoliberalen Erfahrungen und haben keine Lust darauf, dass die SPD und die Republik in den alten Gleisen, wenn auch mit von Gabriel angezogener Bremse, weiterfährt“, schreibt Heribert Prantl heute in der „Süddeutschen Zeitung“. „Viele Sozis sehnen sich danach, dass die SPD wieder Anschluss hat an eine der großen gesellschaftlichen Bewegungen der Gegenwart, wie sie die Anti-TTIP- und Anti-CETA-Bewegung darstellt. Diesen Anschluss findet Gabriel nicht, auch wenn er die kritischen Debatten über CETA noch so lobt.“
Die Zustimmung des SPD-Konvents zu CETA ist vergleichbar mit der Zustimmung zur Agenda 2010. Inhaltlich sind viele Mitglieder nicht überzeugt, aber dem Mann an der Spitze zuliebe werden die Bedenken heruntergeschluckt und ein Kurs mitgetragen, der den Grundwerten der Sozialdemokratie von Bebel bis Brandt fundamental widerspricht.
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2014 hatte Gabriel die Kritik an Abkommen wie TTIP noch abgekanzelt: „Vielleicht ist es in Deutschland manchmal etwas schwieriger, weil wir ein Land sind, das reich und hysterisch ist.“ Es ist absurd, wenn er nun so tut, als sei das Abkommen mit den USA, TTIP, das er selbst lange Zeit gelobt hat, schlecht, das Abkommen mit Kanada, CETA, dagegen gut. CETA höhlt die Demokratie aus und bedeutet unter anderem:
  • Konzerne können mit Sonderklagerechten gegen bestehende und geplante Standards im Umwelt-, Gesundheits-, Verbraucher- und Arbeitsschutz vorgehen. Die US-Konzerne werden über ihre kanadischen Töchter diese Chancen nutzen.
  • An neuen Gesetzen sollen Ausschüsse mitwirken, ohne dass deren Befugnisse geklärt sind. Eine teilweise Entmachtung der demokratischen Instanzen von Bundestag und Bundesrat.
  • Künftig muss der Staat erst nachweisen, dass Gentechnik, Pestizide und Chemikalien gesundheitsgefährdende Wirkungen haben. Bislang ist es umgekehrt: Um eine Zulassung zu bekommen, müssen die Konzerne den Nachweis erbringen, dass ein Mittel ungefährlich ist.
Die SPD fährt also in den neoliberalen Gleisen weiter und findet keinen Anschluss an die großen gesellschaftlichen Bewegungen unserer Zeit. Rot-Rot-Grün macht nur Sinn, wenn eine solche Regierung die Demokratie stärkt, den Sozialstaat wiederherstellt und eine friedliche Außenpolitik nach dem Vorbild Willy Brandts beginnt. Mit einer Partei, die an der Agenda 2010 festhält und den mit CETA verbundenen Demokratieabbau billigt, ist das nicht möglich. Eine LINKE, die sich auf eine solche Politik einließe, würde sich selbst erledigen.
In Österreich haben dagegen 90 Prozent der Mitglieder der Schwesterpartei der SPD, der SPÖ in einer Befragung gegen CETA gestimmt. Warum hat Gabriel nicht auch die SPD-Mitglieder befragt?

Udo Bullmann,  Vorsitzender der Europa-SPD schreibt auf seiner Webseite:
 „Die Entscheidung ist selbstverständlich kein Freifahrtschein für CETA. Nur wenn die im Beschluss geforderten Verbesserungen von der EU-Kommission und der kanadischen Regierung rechtsverbindlich sichergestellt werden, können wir am Ende im Europäischen Parlament das Abkommen unterstützen“, sagt Udo Bullmann.
  • So kann CETA nicht angewendet werden, bevor nicht das Europäische Parlament über das Abkommen abgestimmt hat. Erst nach Beschlussfassung im Europäischen Parlament und dem Dialog mit den nationalen Parlamenten darf über eine vorläufige Anwendung entschieden werden.
  • Ausländische Investoren dürfen gegenüber Inländern nicht ungerechtfertigt bevorzugt werden.
  • Das in der Europäischen Union gültige Vorsorgeprinzip wird in keiner Weise infrage gestellt.
  • Die acht ILO-Kernarbeitsnormen müssen ratifiziert werden. Bei Verstößen gegen Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards müssen entsprechende Sanktionen entwickelt werden.
  • Handelsabkommen dürfen keine demokratischen Prozesse aushebeln. Veränderungen können nur im Einklang mit den demokratisch legitimierten Parlamenten und Regierungen getroffen werden.
  • Die Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge müssen unberührt bleiben und in vollem Umfang heute wie morgen sichergestellt sein.
„Die SPD drängt darauf, dass sich CETA und die darin beschriebenen Handelspraktiken an den globalen Nachhaltigkeitszielen und dem Pariser Klimaschutzabkommen orientieren. Globalisierung braucht Regeln. Wir wollen den Durchbruch für ein gutes Handelsabkommen, das faire Standards setzt“, so Udo Bullmann. „Ohne fortschrittliche Lösungen bei den offenen Fragen werden wir CETA ablehnen.“ Das Europäische Parlament soll voraussichtlich im Frühjahr 2017 über das Abkommen entscheiden.
Wenn all das eintrifft, was Bullmann glaubt erreichen zu können, werde ich ihn wählen, sonst nicht. - Schade, ich habe immer große Stücke auf ihn gehalten.

Matthias Miersch: Persönliche Erklärung (20.9.16)
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Genossinnen und Genossen, gestern hat die SPD die Chance eröffnet, in Europa mehr Demokratie zu wagen, indem sie eine Brücke zwischen Kritikern und Befürworten von CETA geschlagen hat. Nach dem SPD-Parteikonvent in Wolfsburg lauten viele Überschriften in den Medien: „SPD stimmt CETA zu“. Da ich mich seit vielen Monaten intensiv mit dem Abkommen beschäftigt und mich auch an vielen Stellen in die Debatte eingemischt habe, möchte ich Sie/Euch in dieser persönlichen Erklärung direkt informieren und offene Fragen beantworten: Die SPD hat auf ihrem Konvent nicht für CETA gestimmt, wie viele schreiben. Sie hat einen Antrag verabschiedet, der unsere Anforderungen an das Abkommen und den nun vor uns liegenden Prozess beschreibt. Wir haben ganz klare Bedingungen beschlossen, die am Ende Maßstab für jeden SPDAbgeordneten sind. Wenn unsere Forderungen nicht erfüllt sind, werde ich CETA nicht zustimmen: - „Im Bereich des Investorenschutzes muss mit Blick auf die Rechtstatbestände, wie z.B. ‚faire und gerechte Behandlung‘ und ‚indirekte Enteignung‘ sichergestellt werden, dass keine Bevorzugung von ausländischen gegenüber inländischen Investoren oder Bürgerinnen und Bürgern stattfinden. Investorenschutz sollte somit auf die Diskriminierung gegenüber inländischen Investoren beschränkt werden. - Unter Bezugnahme auf das Cartagena-Protokoll und die Rechtsposition der EU im WTOVerfahren über Hormonfleisch zwischen der EU und Nordamerika muss unmissverständlich und rechtsverbindlich erklärt werden, dass die EU im Rahmen des CETA-Abkommens in keiner Weise vom primärrechtlich verankerten Vorsorgeprinzip (Art. 191 AEUV) abweicht. - Im Rahmen des Beratungsprozesses ist ein Sanktionsmechanismus bei Verstößen der Partner gegen Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards zu entwickeln. Die acht ILOKernarbeitsnormen müssen ratifiziert werden. Der soziale Dialog ist effektiv auszugestalten, sodass das Verfahren zur Durchsetzung von Standards wirkungsvoll genug ist und durch Sanktionsmöglichkeiten ergänzt wird. - Es muss sich aus dem CETA-Vertrag unmissverständlich ergeben, dass bestehende und künftig entstehende Dienstleistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge nicht vom Vertrag erfasst werden.“ Im Unterbezirk Region Hannover hatten wir beschlossen, dass wir CETA in der jetzt vorliegenden Form ablehnen und Verbesserungen über das Europäische Parlament erreichen wollen. Genau dieser Weg wird nun im Konventsbeschluss beschrieben: Es muss einen breiten Anhörungsprozess des Europäischen Parlaments mit der Zivilgesellschaft und den nationalen Parlamenten geben, der Lösungsansätze für alle umstrittenen Fragen entwickelt, bevor das Europäische Parlament über den Vertrag abstimmt und Teile des Abkommens vorläufig angewendet werden. In diesem Zusammenhang wird es intensive Auseinandersetzungen um die Fragen geben, welche Bereiche des Abkommens in die alleinige Zuständigkeit der EU fallen und damit vorläufig angewendet werden können. Die SPD legt sich im Beschluss fest: Unter anderem das hoch umstrittene Kapitel zum Investorenschutz fällt in nationale Zuständigkeit. Dieser Bereich kann also nur dann angewendet werden, wenn auch das letzte nationale Parlament der Europäischen Union zugestimmt hat. Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Genossinnen und Genossen, im August habe ich ein Papier verfasst, indem ich aufgezeigt habe, an welchen Stellen die roten Linien der SPD überschritten sind. Ich habe geschrieben, dass dem jetzt vorliegenden CETA-Entwurf nach meiner Überzeugung kein SPD-Parlamentarier zustimmen kann. Als Brücke zwischen CETA-Kritikern und CETA-Befürwortern innerhalb der SPD habe ich in diesem Papier und letztlich auch dem Konvent die gerade beschriebene Klärung über das Europäische Parlament mit einem breiten Diskurs mit den nationalen Parlamenten und der Zivilgesellschaft vorgeschlagen. Ich bin stolz, dass der gestern verabschiedete SPD-Beschluss aufgrund eines Vorschlag aus dem Bezirk Hannover nun genau diesen Weg zeichnet und bedanke mich ausdrücklich bei Bernd Lange und Stephan Weil, mit denen ich diese Änderung erreichen konnte. Jetzt müssen wir beweisen, dass Europa in der Lage ist, neue Wege der Demokratie und Transparenz zu gehen. Ich hoffe sehr, dass wir für diesen Weg viele Mitstreiter in den anderen EU-Mitgliedstaaten finden können. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass Sigmar Gabriel mit der Kanadischen Handelsministerin gestern noch Änderungen im Hinblick auf die Arbeitnehmerrechte für den Ministerrat angekündigt hat, die den DGB-Vorsitzenden Rainer Hoffmann dazu veranlasst haben, auf dem Konvent für die Zustimmung zum nun beschlossenen Antrag zu werben. Ich füge den Antrag, den wir als Bezirk Hannover gestellt haben, dieser persönlichen Erklärung bei, damit jeder erkennen kann, dass wir Hannoveraner eine erhebliche Änderung am Ursprungsantrag des Parteivorstandes erreicht haben. Ebenso erhaltet ihr den vollständigen Beschluss des SPDParteikonvents: 
Herzlich 
Matthias Miersch

Parlamentarische Linke

Freitag, 23. Oktober 2015

Arbeitgeber erreichten ein Vertriebsstopp eines Buchs der Bundeszentrale für politische Bildung

Im Februar 2015 erschien bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ein Sammelband zur sozioökonomischen Bildung.
Daraufhin forderte am 5. Juni 2015 Peter Clever von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), in einem Schreiben die bpb dringend auf, 
das Buch nicht weiter zu vertreiben. Die Publikation enthalte, so Clever, "ideologische" und "voreingenommene Anschuldigungen" hinsichtlich der Öffnung von Schulen für Unternehmen und des zunehmenden Lobbyismus an Schulen. [...] Das Bundesinnenministerium als vorgesetzte Behörde der bpb hat umgehend und ohne Prüfung der Vorwürfe ein Vertriebsverbot ausgesprochen. 
mehr dazu

Der Band Ökonomie und Gesellschaft wird daher bei der Bundeszentrale weiter als vergriffen bezeichnet

"Inzwischen hat sich auch der wissenschaftliche Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung mit dem Fall befasst. Das Ergebnis ist, wie man hört, eine Niederlage für das Innenministerium: Die große Mehrheit der Experten stimmte für eine Aufhebung des Vertriebsverbotes." (SPON, 26.10.15)

Zu recht stellt der Spiegel die sich selbst entlarvende Äußerung Peter Clevers heraus:
"Besonders echauffiert hatte sich Arbeitgeber-Geschäftsführer Clever in seinem Brandbrief übrigens über das Kapitel zum Thema Lobbyismus. Es werde ein "monströses Gesamtbild von intransparenter und eigennütziger Einflussnahme der Wirtschaft auf Politik und Schule gezeichnet", schrieb er darin."*
Und bemerkt dazu: 
"Vielleicht ist ja auch der Versuch des BDA, ein Wirtschaftsbuch aus dem Verkehr zu ziehen, künftig ein gutes Beispiel für den Unterricht." (SPON, 26.10.15)
 Offenbar gibt es weiter viel Arbeit für Lobbycontrol – Initiative für Transparenz und Demokratie

vgl. auch:
Abgeordnetenwatch: Bundestag muss Lobbyisten offenlegen ZEIT 18.6.15

Wenn Sie das Verwaltungsgericht Berlin in seiner Forderung unterstützen wollen, der sich die CDU/CSU-Fraktion hartnäckig widersetzt, ist hier Gelegenheit

Bundestag verweigert Herausgabe der Namen von Lobbyisten SZ 22.10.15

SPD veröffentlicht Lobbyisten-Liste faz.net 23.10.15
"Lange weigerte sich die SPD, eine Liste der Lobbyisten vorzulegen, denen sie Hausausweise zum Bundestag verschafft hat. Jetzt hat sie überraschend ihre Haltung geändert. Auf der Liste finden sich mehrere Großkonzerne."

*Hier eine weitere Fragwürdigkeit vom Arbeitgeberverband.

Stellungnahme der Nachdenkseiten zu Lobbyismus und Propaganda/Indoktrination an den Schulen
Der Kampf um die Indoktrination unserer Kinder mit neoliberalen Gedanken nimmt an Fahrt auf (mit einem Aufruf an unsere Leser am Ende des Textes) 27.10.15
[...] Negativer Vorreiter in Sachen Wirtschaftslobbyismus in der Schule ist dabei das Land Baden-Württemberg. Dort wird im kommenden Schuljahr bundesweit zum ersten Mal das Fach „Wirtschaft“ zu einem Pflichtfach an allen allgemeinbildenden Schulen. Dies ist ein großer Lobbyerfolg der „Dieter von Holtzbrinck Stiftung“, die über ihre Initiative „Wirtschaft Verstehen Lernen“ dem Land eine Rundumbetreuung anbietet. Man stellt nicht nur Unterrichtsmaterial (z.B. Inhalt aus dem zum Holtzbrinck-Verlag gehörenden Handelsblatt) zur Verfügung, sondern sorgt auch gleich mit einer gestifteten Honorarprofessur an der Universität Tübingen dafür, dass die künftigen Wirtschaftslehrer marktliberal ausgebildet und indoktriniert werden. Verantwortlich für die Einführung des Pflichtfachs „Wirtschaft“ ist, wen wunder es, die grün-rote Landesregierung.
Dabei geht es wohlgemerkt nicht darum, dass die Schüler lernen, was Soll und Haben sind, wie ein Kredit funktioniert oder welche Aufgaben die EZB hat. Es geht vielmehr darum, wie diese Fragen gedeutet werden. Wer „weiß“, dass der Mindestlohn Arbeitslosigkeit befördert, wird auch keine Partei wählen, die den Mindestlohn erhöhen will. Wer „weiß“, dass der Staat einen effizienten Markt durch Regulierungen verhindert, wird Liberalisierung und Privatisierungen fordern. Und wer „weiß“, dass niedrige Zinsen die Inflation treiben, wird in den Chor derer einstimmen, die die EZB zu einer Zinserhöhung treiben wollen. Oder zugespitzt: Wer in der Schule mit neoliberaler Propaganda indoktriniert wurde, funktioniert auch im späteren Leben genau so, wie sich dies die neoliberalen Vordenker wünschen. [...]
Nachtrag:
Innenministerium hebt Vertriebsverbot wieder auf, SPON 29.10.15

Sieh auch:
Lobbyismus an Schulen, heute: RWE und die Braunkohle  2.11.15

Mein Hinweis auf einen neuen ZUM-Wiki-Artikel zu Lobbyismus an Schulen, Fontanefan 17.11.15