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Dienstag, 17. September 2024

euro|topics: Bericht des Ex-EZB-Chefs Mario Draghi an die EU-Kommision

Wettbewerbsfähigkeit: Wie kann die EU aufholen? (12.9.2024)

Ex-EZB-Chef Mario Draghi hat am Montag das Strategiepapier abgeliefert, das EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen vor gut einem Jahr in Auftrag gegeben hatte. Damit sich die EU-Wirtschaft im Wettbewerb mit USA und China behaupten kann, brauche es mehr Innovation, weniger bürokratische Hürden sowie massive private und staatliche Investitionen. Europas Presse analysiert die Vorschläge und ihre Umsetzbarkeit.

 IQ (LT) / 10. September 2024

Europa als Produktionsstandort bewahren

In IQ lobt Vidmantas Janulevičius, Präsident des litauischen Industriellenverbands, den Draghi-Plan - auch wenn er spät kommt:

Viele der beschriebenen Probleme haben wir bereits vor 10 bis 15 Jahren erkannt. Damals wäre noch Zeit gewesen, einige Folgen zu verhindern, doch kurzfristige Gewinne hatten stets Vorrang vor langfristigen Investitionen in eine nachhaltige Zukunft. ... Draghis Bericht betont, dass wir nicht nur Technologien entwickeln, sondern auch sicherstellen müssen, dass sie in Europa produziert werden. Wenn wir das nicht tun, wird unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter schrumpfen. Wir müssen Produktion und Technologie nach Europa zurückholen, denn der Wettbewerbsvorteil schwindet gegenüber den USA und China.“

Vidmantas Janulevičius

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 Svenska Dagbladet (SE) / 11. September 2024

Mehr Freiheit statt vieler Strategien

Einen neuen großen Plan ist das letzte, was Europa braucht, kontert Svenska Dagbladet:

Der italienische Ökonom und ehemalige EZB-Chef Mario Draghi hat unbestreitbar Recht, dass die Wachstumsfähigkeit des europäischen Kontinents eine Frage des Schicksals ist. Allerdings irrt er darin, dass es an einer 'Industriestrategie' und staatlichen oder überstaatlichen Investitionen in politisch bestimmte Sektoren fehle. Wenn Strategien die Volkswirtschaften ankurbeln würden, wäre Europa bereits weltweit führend. ... Wachstum kann nicht durch Pläne, Richtlinien und schöne Absichten vorangetrieben werden. ... Andererseits können Volkswirtschaften bei größerer Freiheit in der Regel recht gut wachsen. “

Mattias Svensson

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 El País (ES) / 11. September 2024

Das könnte ein echter Relaunch der EU werden

El País ist von der Größe des Plans beeindruckt:

Die Minister Deutschlands und der Niederlande haben binnen 24 Stunden Einwände erhoben, vor allem gegen die Vergemeinschaftung der Schulden. ... Vielleicht sollte Ursula von der Leyens zweite Kommission diese Warnung als Ansporn nehmen. Vielleicht gibt es zu [Draghis] 'whatever it takes' von 2012 eine Entsprechung: Ein gewaltiger Investitionsplan, der mehr als nur Zahlen bedeutet: mit der (unwahrscheinlichen) Erlaubnis Berlins wäre es eine Neugründung der EU.“

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 Sydsvenskan (SE) / 10. September 2024

Notwendiger Tritt in den Hintern

Sydsvenskan erklärt, warum die EU dringend handeln muss:

Die Herausforderung ist enorm. Seit dem Jahr 2000 waren die Reallohnsteigerungen in den USA doppelt so hoch wie in der EU. Der BIP-Unterschied zwischen den USA und der EU ist von 15 Prozent im Jahr 2002 auf 30 Prozent im Jahr 2023 gestiegen, was vor allem auf die niedrige Produktivität in Europa zurückzuführen ist. Nur vier der weltweit führenden Technologieunternehmen stammen aus Europa. ... Nein, der Bericht vom Montag ist keine schnelle Lösung für eine hinterherhinkende EU. Aber zumindest kann es ein Tritt in den Hintern sein.“

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Times (GB) / 09. September 2024

To-do-Liste für die neue Kommission

Die Financial Times drängt auf zügige Umsetzung sinnvoller Vorschläge:

Dazu gehören eine Zusammenführung der Kapitalmärkte durch die Zentralisierung der Marktaufsicht, die Schaffung neuer gemeinsamer Finanzierungstöpfe und die Vereinheitlichung und Vereinfachung von Industrie-, Wettbewerbs- und Handelsvorschriften. Ein breiterer Vorstoß für eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Innovation und nationale Sicherheit ist ebenfalls zu begrüßen. Draghis Empfehlungen geben der neu gewählten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen - der Auftraggeberin des Berichts - einen wertvollen Handlungsrahmen für ihre neue Amtszeit.“

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 La Stampa (IT) / 10. September 2024

Zusammenhalten, um souverän zu bleiben

Draghi hat mit seinem Appell völlig recht, mahnt der Ökonom und ehemalige Senator Tommaso Nannicini in La Stampa:

Die einzige Möglichkeit, die Kontrolle zurückzuerlangen, besteht darin, sich nicht innerhalb der nationalen Grenzen einzuschließen und Sklaven von Entscheidungen zu werden, die anderswo getroffen werden, von Washington bis Peking, sondern Europas Eigenständigkeit auf bestimmten strategischen Achsen aufzubauen. Dies ist die Konsequenz aus dem Draghi-Bericht. Die Faktoren, die das europäische Wachstum begünstigt haben, von der Ausweitung des internationalen Handels bis hin zu einer durch die Pax Americana garantierten geopolitischen Stabilität, sind hinweggeschwemmt worden. Das Wachstumsspiel wird anderswo gespielt.“

Tommaso Nannicini

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 Les Echos (FR) / 10. September 2024

Bürokratieabbau ist oberste Priorität

Endlich wurde ein wichtiges Problem beim Namen genannt, freut sich Les Echos:

Mario Draghi, der 2012 mit seinem berühmten 'Whatever it takes' zur Rettung des Euro bekannt wurde, greift heute auf dasselbe Mittel zurück: ein neues Konjunkturprogramm. Allerdings hat der Europäische Rechnungshof kürzlich bekannt gegeben, dass die EU-Länder bis Ende 2023 weniger als ein Drittel der im vorherigen Programm vorgesehenen Mittel genutzt haben. ... Der Bericht stellt zudem fest, dass Innovation hier 'in jeder Phase durch inkohärente und restriktive Vorschriften behindert wird'. Man könnte es nicht treffender formulieren: Entbürokratisierung hat Priorität.“

Dominique Seux

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 The Irish Times (IE) / 09. September 2024

Draghi trifft wunde Punkte

The Irish Times prognostiziert Widerstand aus verschiedenen Hauptstädten:

Um Investitionen anzukurbeln, fordert Draghi die gemeinsame Finanzierung eines neuen EU-Schuldeninstruments, ein Vorschlag, der in einigen europäischen Staaten sicher für Unmut sorgen wird. Ebenso plädiert er für eine flexiblere EU, was nicht nur einen starken Regulierungsabbau, sondern auch das Ende des nationalen Vetos bei neuen Rechtsvorschriften in verschiedenen Bereichen bedeutet. Dies wird in Ländern wie Irland, das seit langem eine unabhängige Steuerpolitik schützt, ein sensibles Thema sein.“

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 Lidové noviny (CZ) / 10. September 2024

Zu ambitioniert für Europas Verdrängungskünstler

Lidové noviny zeigt sich skeptisch:

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Plan verwirklicht wird, ist sehr gering. Und das, obwohl die Chefin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, erklärt hat, dass sie Draghis Vorschläge als Vorlage für ihr Kommissarenteam nutzen werde. Man kann vielmehr darauf wetten, dass nur wenige von Draghis Vorschlägen umgesetzt werden und der europäische Niedergang weiter anhält. Bis den Europäern klar wird, dass sie etwas tun müssen, wird die Illusion bestehen bleiben, dass wir den europäischen Konsens durch Aufschieben bewahren können, wie Draghi es sehr treffend beschrieben hat. Das ist ein bequemer Weg in die Hölle, den wir gerne beschreiten.“


 

Donnerstag, 16. Juni 2022

euro|topics: Kyjiw: Scholz, Macron und Draghi treffen Selenskyj

 


Bundeskanzler Scholz, Frankreichs Präsident Macron und Italiens Premier Draghi sind in der Ukraine eingetroffen. Insbesondere Paris und Berlin standen bisher wegen ihrer Haltung gegenüber Putin in der Kritik. Was können die drei Politiker mit ihrer Mission erreichen?

LA STAMPA (IT)

Nur Biden und Putin können etwas tun

Ein löblicher Versuch, leider ohne jede Chance, kommentiert Lucio Caracciolo, Experte für Geopolitik, lakonisch in La Stampa:

„Das Ende dieser Kriegsphase wird nicht von den Europäern auf der einen oder anderen Seite entschieden werden. Dies wird einzig durch den direkten Dialog zwischen den USA und Russland geschehen. … Bislang kann man nur eine gewisse Kriegsmüdigkeit auf amerikanischer Seite erkennen und eine ebenso offensichtliche Anmaßung Russlands, weit über den Donbas hinausgehen zu können. ... Eines ist gewiss: Dieser Konflikt ist so tief, dass er jederzeit in unkontrollierbare Dimensionen abgleiten kann. Der Gedanke, dass wir wenig dagegen tun können, tut weh. Es tut noch mehr weh, wenn wir denken, dass wir das Spiel beherrschen.“

Lucio Caracciolo
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GORDONUA.COM (UA)

Was hinter den Kulissen laufen könnte

Viktor Andrjusiw vom Thinktank Ukrainian Institute for the Future glaubt, dass es eine Absprache zwischen Scholz und Putin gibt, wie er auf gordonua.com schreibt:

„Da die russischen Truppen es sich leisten können zu warten und wir in der Zwischenzeit wirklich wenig von unseren 'Verbündeten' bekommen, bin ich geneigt zu glauben, dass es eine informelle Vereinbarung zwischen Scholz und Putin gibt. Das Wesen dieser Vereinbarung besteht darin, dass Putin Scholz versprochen hat, an der Grenze der Regionen Luhansk und Donezk Halt zu machen. Der Aufschub von Waffenlieferungen ist die maximale Unterstützung für die russische 'Operation', da es der Mangel an Waffen auf unserer Seite ist, der es ihnen ermöglicht vorzurücken.“

Viktor Andrusiv
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LIDOVÉ NOVINY (CZ)

Pathos und Realität

Selenskyj hat sich am Mittwoch in einer Videoansprache vor beiden Häusern des tschechischen Parlaments für die Hilfe für die Ukraine bedankt, was Lidové noviny so kommentiert:

„Es ist meist sinnvoll, unter die Decke des Pathos zu schauen. Natürlich geht es auf dem Schlachtfeld um europäische Werte. Aber vor allem um Dinge wie Souveränität, die Unverletzlichkeit der Grenzen und um die Verteidigung des Staats. ... Auch Premier Petr Fiala setzt auf Pathos, wenn er sagt, der Krieg müsse so schnell wie möglich mit einem Sieg der Ukraine enden. Wenn der Krieg bald enden soll, wird er mit einem Kompromiss enden müssen. Wenn die Ukraine siegreich sein soll, wird das nicht so bald erreichbar sein. So ehrlich müssen wir sein.“

Zbyněk Petráček
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NRC HANDELSBLAD (NL)

Europa darf sich nicht an den Krieg gewöhnen

NRC Handelsblad warnt angesichts von Problemen wie Energiekrise und Inflation vor Kriegsmüdigkeit:

„Es sind keine Kleinigkeiten, aber ein verengter Blick [auf diese Probleme] trägt bei zum Abbröckeln der Einmütigkeit. Vielleicht ist das genau das, was Putin will. ... Dass im Krieg nach fast vier Monaten militärisch gesehen eine Pattsituation entstanden ist mit zwei ermüdeten und ausgedünnten Armeen an beiden Seiten einer langen Front, macht die täglichen Grausamkeiten, die sich auf dem Gebiet der Ukraine abspielen, kein bisschen weniger abstoßend. Auch wenn der Kontinent zur Zeit auf verschiedenen Ebenen mit außergewöhnlichen Sorgen geplagt wird, darf Europa sich nicht an diesen Krieg gewöhnen.“

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Freitag, 12. Februar 2021

euro|topics: Grünes Licht für Draghi: Ende gut, alles gut?


In Italien will sich auch die Fünf-Sterne-Bewegung an einer Regierung unter dem früheren EZB-Chef Draghi beteiligen. Die Mitglieder der Partei des Polit-Komikers Beppe Grillo votierten am Donnerstag mit 59,3 Prozent dafür. Doch Kommentatoren bezweifeln, dass die Gefahr von Instabilität und Blockade gebannt ist, und blicken dabei auch schon auf die nächsten Wahlen.

IL MANIFESTO (IT)

Progressive müssen diszipliniert agieren

Keineswegs ist nun alles Friede, Freude, Eierkuchen, mahnt Il Manifesto:

„Die Spaltung innerhalb der größten parlamentarischen Vertretung [der Fünf-Sterne-Bewegung] wird den zukünftigen Premierminister schlecht schlafen lassen. … Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, über den wir nachdenken sollten. Sobald Draghi seine Aufgaben erledigt hat, werden wieder Parlamentswahlen stattfinden, und die rechte Mitte wird sich geschlossen präsentieren. Die progressiven Kräfte werden nur dann in der Lage sein, sich dem Gegner entgegenzustellen, wenn sie in den kommenden Jahren eine gemeinsame Front bilden.“

Norma Rangeri
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ÚJ SZÓ (SK)

Soll Mario erstmal die Drecksarbeit erledigen

Dass die Fünf-Sterne-Bewegung und Salvinis Lega die Expertenregierung unterstützen, basiert auf politischem Kalkül, vermutet Új Szó:

„Wegen ihrer geringen Zustimmungsraten fürchtete die Führung der Fünf-Sterne-Bewegung eine vorgezogene Wahl. Ähnlich ist die Situation von Matteo Salvini, entsprechend entschied auch er sich für eine Draghi-Regierung. Die wichtigsten politischen Akteure Italiens zielen vermutlich darauf ab, dass Super Mario, der bereits relativ alt ist und keine politischen Ambitionen mehr hat, die nötige schwierige Arbeit macht und sie bei der nächsten Wahl davon profitieren können.“

Tamás Dudás
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DER TAGESSPIEGEL (DE)

Riesenkoalitionen sind ein Krisensymptom

Auch der Tagesspiegel kann sich nicht recht freuen, dass Italien nun relativ rasch eine neue Regierung bekommen wird:

„Die Regierung Draghi wird nicht stabil sein. Und sie wird mehr als jede frühere 'Techniker'-Regierung – dies ohnehin eine fromme Lüge – demokratischen Niedergang markieren. Riesenkoalitionen sind kein Zeichen von Einheit, sondern ein Krisensymptom. Eine Demokratie ohne Alternativen ist keine. Aber diese Demokratiekrise spielt nicht nur in Rom. Dort ist sie nur sichtbarer.“

Andrea Dernbach
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DAGENS NYHETER (SE)

Die neue Mission ist die alte

Auf Mario Draghi blickt nicht nur Italien, erklärt Dagens Nyheter:

„Einmal hat er es schon getan: den Euro gerettet. Nun ist der Auftrag im Grunde der gleiche. Draghi soll die Wirtschaft des Landes wieder zum Laufen bringen und dadurch auch das Überleben der gemeinsamen Währung sichern. ... Italiens traditionelle Parteien wurden durch einen Korruptionsskandal in den 1990er Jahren zerstört. Tragischerweise erwuchs aus den Trümmern von damals nie eine verantwortungsvolle bürgerliche Bewegung, und auch mit der ex-kommunistischen Linken ist kein Staat zu machen. Als EZB-Chef forderte Mario Draghi von den nationalen Regierungen stets Reformen - eine Zentralbank kann nicht alle Probleme lösen. Nun liegt der Ball bei ihm und seinen mehr oder weniger unzuverlässigen politischen Mitspielern. Auf seinen Erfolg hoffen sowohl Italien als auch die EU.“

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