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Montag, 23. November 2020

euro|topics: Wie das Veto die EU verändert

 

EU-Parlamentarier haben eine Möglichkeit ins Spiel gebracht, das Veto Polens und Ungarns wegen des Rechtsstaatsmechanismus zu umgehen und die Corona-Hilfen schnell auszuzahlen: Die in EU-Verträgen vorgesehene "verstärkte Zusammenarbeit" könnte bei den Corona-Fonds greifen, indem ein kleinerer Kreis von EU-Mitgliedern sich zusammenschließt. Wird das Veto zur Sackgasse für Budapest und Warschau?
ZIARE (RO)

Ungarn und Polen haben nichts mehr zu Lachen

Dass die EU bislang gegenüber Warschau und Budapest hart geblieben ist, lobt der Abgeordnete der nationalliberalen PNL, Ovidiu Alexandru Raețchi, in Ziare:

„Wir wohnen dem Moment bei, in dem die EU, die von einer liberal-progressiven französisch-deutschen Allianz angeführt wird, beginnt, endlich Maßnahmen gegen die konservativ-autoritären Fehltritte in Polen und Ungarn zu ergreifen. Die Verfehlungen wurden viel zu lange toleriert, das hat zu einem totalen Verlust des ideologischen Urteilsvermögens geführt. ... Der politische Kontext ist günstig und es ist klar, dass Macron und Merkel große Anstrengungen unternehmen werden, denn das Prinzip der 'Nichteinmischung in innere Angelegenheiten' hat in einem Europa der demokratischen und freiheitlichen Werte kategorisch seine Grenzen. So sollte es auch sein.“

Ovidiu Raețchi

KALEVA (FI)

Union stärkt ihr Profil

Für Kaleva ist noch nicht klar, wer aus diesem Streit als Profiteur hervorgeht:

„Es wird sich zeigen, wie weit Polen und Ungarn bereit sind, die Geduld der Übrigen auf die Probe zu stellen. Sowohl in Ungarn als auch in Polen genießt die EU bei den Bürgern hohes Ansehen. Allerdings sind die Zivilgesellschaften dieser Länder schwach und sie wurden noch weiter geschwächt. Andererseits könnte aber die Rechtsstaatlichkeitsdebatte das Wesen der EU stärken und die Zeit könnte für die Verteidigung ihrer Werte und Arbeitsweisen arbeiten.“

NOVI LIST (HR)

Die Großen wollen unter sich sein

Für einige in der EU kommt der Streit nicht ungelegen, mutmaßt Novi List:

„Egal, was man von der ungarischen oder polnischen Regierung denkt, es ist offensichtlich, dass die alten und reichen EU-Mitgliedstaaten versuchen, den Mechanismus der Rechtsstaatlichkeit zu einer Veränderung der Art, wie Entscheidungen in der EU getroffen werden, zu nutzen. Man möchte das einstimmige Entscheiden begrenzen und die Tür öffnen für das Überstimmen, für Entscheidungsfindung mit qualifizierter Mehrheit, um die EU effizienter zu machen. ... Es ist offensichtlich, dass die stärksten EU-Mitglieder wie Frankreich, Holland und Deutschland die Krise nutzen wollen, um eine Koalition von Ländern zu schaffen, die eine neue Stufe der Integration innerhalb der EU wollen, wobei Länder wie Polen und Ungarn auf dem Nebengleis stehen bleiben.“

Branko Podgornik
ÚJ SZÓ (SK)

Ein Veto, das sich lohnt

Warum die Regierungschefs von Polen und Ungarn auf EU-Gelder verzichten würden, erklärt Új Szó:

„Gegen die beiden Länder findet gerade ein Vertragsverletzungsverfahren statt, bei dem jedoch die Zustimmung aller Mitgliedstaaten nötig ist, so dass die beiden einander aus der Patsche helfen können. Beim neuen Rechtsstaatsmechanismus reicht eine qualifizierte Mehrheit aus, um Sanktionen zu verhängen. Da hier kein einstimmiges Votum erforderlich ist, haben Budapest und Warschau keine Chance, Verfahren zu blockieren. Gerade deswegen ist der Rechtsstaatsmechanismus aus Sicht der beiden souveränistischen Regierungen lebensgefährlich.“

Botond Feledy
RZECZPOSPOLITA (PL)

EU-Liebe der Polen könnte erkalten

Der Chefredakteur von Rzeczpospolita, Bogusław Chrabota, warnt vor einer Meinungskampagne gegen die EU in Polen:

„Die Polen lieben die Europäische Union immer noch. ... Wenn wir gefragt werden, wie wir bei einem Referendum über den Austritt Polens aus der EU abstimmen würden, sagen 81 Prozent von uns, sie würden für den Verbleib stimmen. Gut jeder zehnte - 11 Prozent der Befragten - sagt, dass er dagegen stimmen würde. ... Ich fürchte etwas anderes als den Verlust von Geldern: den Mediensturm, der in Polen gerade ausgelöst wird und sich gegen die EU richtet, weil diese Polen angeblich wegen des Vetos tadelt. Danach können ähnliche Umfragen in einigen Monaten völlig anders aussehen.“

Bogusław Chrabota

Dienstag, 17. November 2020

euro|topics: Corona-Milliarden: Polen und Ungarn legen Veto ein


Ungarn und Polen haben ihre Drohung wahrgemacht und ein Veto gegen die EU-Finanzplanung bis 2027 eingelegt. Dadurch blockieren sie auch die milliardenschweren Zahlungen aus dem Corona-Hilfsfonds. Die beiden Länder protestieren damit gegen das geplante Verfahren zur Ahndung von Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit. Muss die EU nun neu verhandeln?

DE STANDAARD (BE)

Schlag gegen Fundament der EU

Nun rutscht die Union in eine Krise, aus der es keinen Ausweg gibt, fürchtet De Standaard:

„Dass die Regierungen von zwei europäischen Mitgliedsstaaten die 25 anderen erpressen, um für sich selbst politischen Raum zu schaffen, den Rechtsstaat weiter auszuhöhlen, verletzt das Fundament des europäischen Bauwerks. Dass man dafür bei Nacht und Nebel einen Kompromiss finden wird, ist fast undenkbar. ... Das ist kein Streit zwischen einer Handvoll europäischer Führer, den man gemeinsam beilegen kann. Das europäische Parlament, das zustimmen muss, wird sich nicht zermürben lassen. ... Mit ihrer Entscheidung für diese nukleare Option isolieren sich Ungarn und Polen in der Union. Aber sie rauszuwerfen, ist rechtlich und politisch ein unausführbarer Alptraum.“

Bart Sturtewagen
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GAZETA WYBORCZA (PL)

Polen könnte am Ende leer ausgehen

Dass Polen nun von den Corona-Hilfen ausgeschlossen wird, fürchtet Gazeta Wyborcza:

„Das schlimmste Problem, zu dem das Veto Polens und Ungarns führen kann, wäre die Blockierung des Wiederaufbaufonds. ... Es besteht das ernsthafte Risiko, dass der Rest der EU damit beginnt, diesen Fonds so umzugestalten, dass er die beiden Sperrländer nicht einschließt (z. B. unter Verwendung der Formel 'Eurozone plus'). Während eine solche Lösung beim normalen Haushalt gesetzlich nicht vorgesehen ist, ist sie beim Wiederaufbaufonds möglich. Schon im Frühjahr gab es in Polen Bedenken, dass der damals diskutierte Wiederaufbaufonds nur auf das Euro-Währungsgebiet zugeschnitten sein könnte.“

Tomasz Bielecki
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MAGYAR NEMZET (HU)

Verteidigung gegen die Willkür

Für die Orbán-treue Tageszeitung Magyar Nemzet ist das Kriterium der Rechtsstaatlichkeit nur vorgeschoben, um Ländern wie Ungarn liberale Werte aufzuzwingen:

„Wenn nicht im Voraus festgelegt wird, welche Rechtsverletzungen zur Entziehung von EU-Geldern führen können, dann kann irgendjemand mit einer beliebigen neuen Idee vorpreschen, wie die Rechtsstaatlichkeitskriterien seiner Meinung nach verletzt werden. ... Neben der Homosexuellen-Lobby ist in dieser Hinsicht offensichtlich auch das Auftreten derjenigen zu erwarten, die die illegale Migration für gut und verkraftbar halten.“

Ottó Gajdics
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CORRIERE DELLA SERA (IT)

Noch härterer Widerstand droht

Die größte Gefahr für Haushalt und Wiederaufbaufonds liegt für Corriere della Sera nicht in Warschau und Budapest:

„Gestern Nachmittag öffnete sich in Brüssel ein Riss in Europa. Der Wiederaufbauplan wurde vom ungarischen Premier Viktor Orbán als Geisel genommen, unterstützt von seinem polnischen Kollegen Mateusz Morawiecki. Aber Budapest und Warschau werden früher oder später nachgeben. Die wahre Bedrohung wird eine andere sein: Die sogenannten Sparsamen Vier, von den Niederlanden über Österreich bis zu den Schweden.“

Federico FubiniPaolo Valentino
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