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Donnerstag, 20. August 2026

euro|topics: Ukraine: Was bedeutet die Forderung nach Wahlen?

 

Die Forderung des ehemaligen ukrainischen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow nach Wahlen in der Ukraine schlägt Wellen. Er hatte in einer Videobotschaft verlangt, einen legitimen, sicheren und realistischen Weg für Wahlen auch während des Krieges zu finden – ein Vorstoß, der bislang weitgehend als Tabu galt. Kommentatoren debattieren, was hinter dem Vorgehen des in der Bevölkerung beliebten Politikers stecken könnte.

Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE)

Ohne Kontrolle steigt die Korruption

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wägt verschiedene Argumente ab, aber gibt auch zu bedenken:

„Der Krieg beschädigt tatsächlich die ukrainische Demokratie ... . Und je länger der Krieg dauert, desto schwerwiegender werden diese Schäden. Sowohl der Präsident als auch die Abgeordneten im Parlament sind schon weit über ihre normalen Wahlperioden hinaus in ihren Positionen. Diese Unveränderlichkeit schwächt die Kontrolle der Regierung und begünstigt Korruption, Nepotismus und die Errichtung autoritärer Strukturen – jene Übel, gegen die sich die Revolutionen der Jahre 2004 und 2014 gerichtet haben und deren Bekämpfung auch Wolodymyr Selenskyj vor seiner Wahl vor sieben Jahren versprochen hat. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Affären in seiner Umgebung mit der Dauer des Kriegs stetig zugenommen hat.“

Reinhard Veser
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Sme (SK)

Der Vorstoß birgt auch Gefahren

Wie Sme betont, stellt Fedorow die Rechtmäßigkeit der bestehenden Strukturen gemäß der geltenden Verfassung nicht infrage:

„Vielmehr argumentiert er, dass dieses Modell erschöpft sei beziehungsweise sich gerade erschöpfe und durch die Wiederherstellung von Vertrauen und Kontrollprozessen, unter anderem (aber nicht ausschließlich) durch Wahlen, wiederbelebt werden müsse. Gleichzeitig räumt er die außerordentliche Schwierigkeit dieser Aufgabe ein. ... Der Staat brauche einen Mechanismus zur Wiederherstellung des Vertrauens. Dies mindert jedoch keineswegs die Befürchtung, dass ein echter politischer Kampf zu einem Machtzusammenbruch und damit höchstwahrscheinlich zum Zusammenbruch der Front führen könnte.“

Peter Tkačenko
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The Daily Telegraph (GB)

Profitieren würde Putin

Jetzt ist wahrlich nicht der Zeitpunkt für einen Urnengang in der Ukraine, warnt The Daily Telegraph:

„Wladimir Putin würde sich sehr darüber freuen, innenpolitische Machtkämpfe in der Ukraine zu seinem Vorteil ausnutzen zu können. Ein Wahlkampf, der sich vorwiegend um Korruptionsvorwürfe und politische Intrigen dreht, würde auch westlichen Staatschefs wie Donald Trump in die Hände spielen, die der Unterstützung des ukrainischen Kriegseinsatzes stets skeptisch gegenüber standen. Sollten wichtige Fragen zur zukünftigen Regierungsführung in Kyjiw geklärt werden müssen, wäre es weitaus sinnvoller, diese erst nach dem Sieg im Krieg anzugehen, wenn Russland keine Bedrohung mehr für die Existenz der Ukraine darstellt.“

Con Coughlin
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La Repubblica (IT)

Die Legitimation der Macht steht auf dem Spiel

Fedorow könnte für Selenskyj zum Problem werden, so La Repubblica:

„Am Dienstagabend, als klar war, dass Selenskyj dem ehemaligen Verteidigungsminister die Tür zur Wiederernennung endgültig verschlossen hatte, warf Fedorow dem Präsidenten den Fehdehandschuh hin und forderte, trotz des laufenden Krieges Wahlen abzuhalten. Ein politisch machtvoller Vorstoß, denn Selenskyjs Amtszeit als Präsident ist seit mehr als zwei Jahren abgelaufen: Er bleibt aufgrund des Kriegsrechts im Amt, wie es die Verfassung vorsieht. Indem Fedorow forderte, dennoch einen 'legalen, sicheren und realistischen' Weg zurück zu den Urnen zu finden, verlagerte er den Kampf vom Verteidigungsministerium auf ein für Selenskyj weitaus heikleres Terrain: die Frage seiner politischen Legitimation im Präsidentenamt.“

Paolo Brera
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Salzburger Nachrichten (AT)

Selenskyj hätte bei Urnengang keine guten Karten

Die Salzburger Nachrichten analysieren:

„Für Selenskyj und sein Team könnten Wahlen auch nach dem Ende der Kampfhandlungen böse enden. Nach einer Umfrage der Meinungsforschungsgruppe Socis würde der Amtsinhaber im zweiten Wahlgang einer Präsidentschaftswahl sowohl dem Ex‑Oberkommandierenden Walerij Saluschnyj wie auch Fedorow unterliegen. Das ist zum einen auf die traditionelle Missgunst der ukrainischen Wähler gegenüber amtierenden Staatschefs zurückzuführen – die Ukrainer haben seit 1999 keinen Präsidenten wiedergewählt. Zum anderen liegt es an den Korruptionsskandalen um Selenskyjs ehemaligen Bürochef Andrij Jermak und andere seiner Gefolgsleute in den Jahren 2024 und 2025 sowie an deren Versuchen, die gegen sie ermittelnden Antikorruptionsorgane unschädlich zu machen.“

Stefan Scholl
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Dienstag, 3. September 2024

euro|topics: Landtagswahlen: Was heißt der Erfolg von AfD und BSW?

Die vorläufigen Ergebnisse der mit Spannung erwarteten Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen liegen vor: In Thüringen ist die AfD stärkste Kraft. Sie erhielt fast ein Drittel der Stimmen, Zweiter wurde die CDU. In Sachsen gewann die CDU knapp vor der AfD. In beiden Ländern stufen die Landesämter für Verfassungsschutz die AfD als rechtsextremistische Bestrebung ein. Das neu gegründete BSW konnte aus dem Stand zweistellige Ergebnisse einfahren. Europas Presse ordnet ein.

La Repubblica (IT)

Politisches Erdbeben

La Repubblica fühlt sich an 1924 erinnert:

„Es ist ein Erdbeben, das die Geschichte verändert. Zum ersten Mal seit Kriegsende gewinnt eine rechtsextreme Partei eine Landtagswahl in Deutschland. 90 Jahre nach Hitlers Machtergreifung. Und das in einem Bundesland, Thüringen, das für die erste Unterstützung der Nazis bei einer Kommunalwahl im Jahr 1924 berüchtigt ist. Das ist genau ein Jahrhundert her. Björn Höcke ist einer der unbestrittenen Gewinner dieser Wahl: Der Vorsitzende der AfD in Thüringen erhält fast 33 Prozent. Die großen Verlierer sind die drei Parteien der zerstrittenen Ampel-Regierung.“

Tonia Mastrobuoni
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The Times (GB)

Das ist nicht Weimar 2.0

Der Erfolg der AfD sollte realpolitisch nicht überbewertet werden, rät The Times:

„Ja, Thüringen war der Ort, wo die Nazis ihren ersten Durchbruch auf regionaler Ebene hatten. Ja, mit ihrer Sperrminorität von einem Drittel der Sitze im Landtag wird die AfD in der Lage sein, ein gewisses Maß an Unheil anzurichten. Und ja, sie wird in Thüringen sporadisch mit dem BSW oder der CDU zusammenarbeiten. Doch solange die Tabus bestehen bleiben, wird sie nicht in die Regierung kommen. Die Herausforderung für die etablierten Parteien besteht darin, sich nicht mehr auf abgedroschene Nazi-Analogien als Krücke zu stützen, sondern diese politische Warnung mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu behandeln.“

Oliver Moody
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Rzeczpospolita (PL)

Die Brandmauer hält - noch

Bei diesen Wahlen ging es beileibe nicht nur um lokale Fragen, schreibt Rzeczpospolita:

„Der Osten zeigt seine Unzufriedenheit mit der Bundespolitik zum Krieg in der Ukraine und zur Zuwanderung. Denn es waren keineswegs regionale Themen, sondern die große internationale Politik, die in Thüringen und Sachsen im Mittelpunkt des Wahlkampfes stand. ... Es ist zu erwarten, dass der Cordon sanitaire um die AfD dieses Mal tatsächlich noch halten wird. Aber es kracht bereits gefährlich. Der unzufriedene Osten hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen.“

Jerzy Haszczyński
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Lidové noviny (CZ)

Bizarre Koalitionen sind keine Lösung

Der jetzige Umgang mit der AfD kann nach Meinung von Lidové noviny keine Dauerlösung sein:

„Die AfD gewinnt Wahlen, schafft es dann aber nicht, funktionierende Mehrheiten und Regierungen zu bilden. Deshalb bilden sich bizarre Koalitionen. Deshalb ist die CDU auf ewig dazu verdammt, mit Linken zu regieren oder in der Opposition zu sein. Wäre es nicht besser, die AfD gerichtlich zu verbieten oder sie ins Spiel zu lassen? Wie lange kann der jetzige Zustand andauern?“

Zbyněk Petráček
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G4Media.ro (RO)

Extremismus gibt es auch im Westen

Das Wahlergebnis ist trotz der niedrigen Bevölkerungszahl im Osten Deutschlands signifikant, schreibt G4Media.ro:

„In beiden Ländern haben die Parteien der Ampel-Koalition sehr schwache Ergebnisse erzielt. ... Währenddessen steht der Chef der Bundes-CDU Friedrich Merz unter dem Druck seines rechten Parteiflügels, seine Anti-Einwanderungs-Rhetorik zu verschärfen, was der AfD offenbar geholfen hat - nach dem Terrorangriff in Solingen. … Die drei Länder Sachsen, Thüringen und Brandenburg [wo am 22. September Wahl ist] machen zusammen nur zehn Prozent der bundesweiten Bevölkerung aus und weisen Eigenheiten des einstigen kommunistischen Ostens auf, doch der Aufstieg der extremistischen Parteien AfD und BSW ist kein isoliertes Phänomen mehr, sondern droht auf den Westen überzugreifen.“

Petru Clej
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Zeit Online (DE)

Der Fortschrittsoptimismus ist weg

Für Zeit Online zeigt das Wahlergebnis den Verlust des Vertrauens,

„dass die etablierten Parteien, von der CDU bis zu den Grünen, noch in der Lage sind, jene Probleme zu lösen, die den Wählerinnen und Wählern auch in Sachsen und Thüringen wieder am wichtigsten waren, allem voran die Migration. ... Das größte Problem ist aber vielleicht, dass es kein Zutrauen mehr in die Version von Deutschland gibt, die es über viele Jahrzehnte zu sein schien - ein sehr stolzes, innovatives, fortschrittliches Land. Die Bahn fährt nicht, die Energiewende ist ein mittleres Desaster, Stahlkonzerne ziehen sich zurück. Es reicht nicht mehr, das nur so dahinzusagen. Dieses Wahlergebnis belegt es. Der Fortschrittsoptimismus ist weg.“

Martin Machowecz
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Landtagswahlen: Was heißt der Erfolg von AfD und BSW?