„Viele
Frauen sind aus Überzeugung zum Militär gegangen“ Von: Bascha
MikaFR, 11.03.2026,
[…] Wovon leben denn Frauen, die Kinder versorgen, Ältere pflegen und sich auch noch um die Kriegsversehrten kümmern?
Was die meisten Ukrainer:innen an Besitz haben, sind ihre Häuser oder Wohnungen, die nach dem Fall der Sowjetunion privatisiert wurden. Man konnte mit wenig Geld auskommen, weil man eine schlechte, kleine, alte, aber immerhin eine Wohnung hatte. Mit dem Krieg, wenn Städte und Dörfer zu Asche gebombt werden, sind diese Ressourcen verloren.
Und was bleibt den Frauen dann zum Überleben?
Sie müssen sich viele Nebenjobs suchen, aber die sind meist schlecht, denn Frauen sind die Schwächsten auf dem Arbeitsmarkt. Viele bewirtschaften zusätzlich kleine Gärten oder Felder – Selbstversorgung ist überlebenswichtig. Das bedeutet: mehrere schlecht bezahlte Jobs, Pflegearbeit zu Hause und Feldarbeit. Urlaub existiert praktisch nicht. Darunter leidet auch die Gesundheit der Frauen. Prävention oder rechtzeitige Diagnosen bei Krankheiten gibt es meist nicht, denn vieles im Gesundheitssektor muss selbst bezahlt werden. Manche Frauen sind ins Ausland geflüchtet, um medizinisch versorgt zu werden, zum Beispiel bei Krebs. Das können sie sich zu Hause nicht leisten.
Aber was ist mit den Frauen in den Frontgebieten? Da ist es doch sowohl mit der Selbstversorgung als auch mit Jobs äußerst schwierig.
Viele Frauen sind dort geblieben, um die Tiere zu versorgen – eigene und zurückgelassene. Die meisten leben von Spenden aus der Bevölkerung und humanitärer Hilfe. Doch wenn jetzt wegen Trumps Politik die internationalen Hilfen gekürzt werden, bleiben über 60.000 Frauen in den Krisengebieten ohne diese existenzielle Unterstützung. Es geht dabei nicht nur um Lebensmittel, sondern auch um Medikamente, Hygieneartikel oder die Pille danach.
Weil die Frauen auf keinen Fall schwanger werden wollen?
Wo Militär stationiert ist, gibt es oft Sexarbeit. Für die Frauen ist das ein Teufelskreis aus Armut und Stigmatisierung. Die frustrierten Soldaten haben ein bisschen Geld, spielen im Online-Casino, saufen, konsumieren Drogen oder gehen zu Prostituierten. So entfliehen sie der Realität. All das wird in der Öffentlichkeit wenig thematisiert.
Die Männer verspielen das Geld oder bezahlen damit Prostituierte, statt es ihren Familien zu schicken?
Nicht alle, natürlich, aber das Problem besteht. Manchmal ist es sogar umgekehrt – dass die Familien für die Soldaten zahlen. Als es zum Beispiel Engpässe bei der Ausstattung gab und die Männer keine Schuhe bekamen, sind die Familien eingesprungen. Haben alles eingekauft und den Soldaten geschickt. Ich sehe beim Einkaufen weinende Frauen, die mit zwei, drei Kindern alleine irgendwo auf dem Dorf zurückgeblieben sind und sich mit einer Kuh, Feldarbeit und irgendwelchen Shitjobs ernähren. Und die kaufen dann noch Ausstattung und Kleidung für ihren Mann, der bei der Armee ist. Sie erwähnten vorhin die Spenden aus der Bevölkerung. Woher haben die Menschen angesichts der schlechten Wirtschaftslage überhaupt noch das Geld? Das Armutsgefälle in der Ukraine ist sehr groß – und wird immer größer. Menschen in Großstädten sind oft besser aufgestellt als auf dem Land. Zudem gibt es Branchen, in denen weiterhin gut verdient wird, etwa IT oder Management. Und auch arme Frauen sagen: Ich habe kaum Geld, aber 200 Hrywnja im Monat spende ich trotzdem. Das ist wenig, aber wenn es nicht meinem Angehörigen hilft, dann vielleicht einem anderen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist sehr stark. Und alle machen sich große Sorgen um die Soldaten. In westlichen Debatten gibt es oft die Unterscheidung zwischen militaristischen Kämpfern und Zivilbevölkerung. In der Ukraine existiert diese Trennung nicht. Die Männer an der Front waren gestern noch meine Freunde, Kollegen, Nachbarn. Niemand wollte zur Armee. Es ist ein Überlebenskampf.
Nicht nur in dem Albtraum, von dem sie erzählten, setzen die russischen Angreifer Vergewaltigung als Kriegswaffe ein. Wie geht die Gesellschaft mit den Opfern um?
Das ist nicht einfach zu beantworten. Wenn Frauen – oder auch männliche Kriegsgefangene – von sexueller Folter berichten, reagiert die Gesellschaft meist mit Empathie und Zorn. Doch sexualisierte Gewalt war in der Ukraine schon immer ein Tabu und zugleich auch politisiert. In den Jahren vor Corona gab es einige aufsehenerregende Fälle, in denen Söhne reicher Familien arme junge Frauen vergewaltigt haben. Die öffentliche Empörung war groß, aber es gab auch ein starkes Victim Blaming aus konservativen Kreisen. Seit Beginn der Vollinvasion berichten offizielle ukrainische Stellen relativ offen über sexualisierte Gewalt durch russische Soldaten. Über mögliche Übergriffe von ukrainischer Seite wird hingegen kaum gesprochen. [...]
Was ist mit den Kindern, die nach einer Vergewaltigung zur Welt kommen? Sie haben in den Augen der Gesellschaft ja einen doppelten Makel: Sind das Ergebnis einer Gewalttat und haben einen russischen Erzeuger.
Darüber wird fast nicht gesprochen. Viele Frauen geben die Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung nicht bekannt – aus Angst vor Stigmatisierung. Offiziell ist nur von einigen Dutzend Fällen die Rede, aber man vermutet eine hohe Dunkelziffer. Das Vertrauen in Polizei und Justiz ist gering und das Victim Blaming hat nicht aufgehört. Es ist immer noch sehr schwierig für Frauen, sich in solchen Situationen zu outen.
Zudem wollen die Frauen sicher auch ihre Kinder schützen …
… Ich habe kürzlich den Bericht einer Frau gelesen, die von ihrem ukrainischen Partner, mit dem sie zwei Kinder hat, an einen russischen Soldaten ausgeliefert wurde. Sie wusste nicht, was ihr Mann vorhatte, als er sie zu dem Russen brachte und ihm überließ. Sie hat sich von ihrem Partner getrennt und dann erst im sechsten Monat bemerkt, dass sie von dem russischen Soldaten schwanger war – wahrscheinlich hatte sie die Anzeichen durch die Traumatisierung verdrängt. Eine Abtreibung war nicht mehr möglich. Heute hat sie drei Kinder und sagte im Interview: „Ich bin froh, dass ich nicht abgetrieben habe. Ich liebe diesen Jungen fast so sehr wie die anderen.“
Fast?
Ja. Das sind Geschichten, die einem das Herz zerreißen.
Es gibt in der Ukraine keine Wehrpflicht für Frauen, dennoch sind zehn Prozent der Armee weiblich. Kennen Sie Frauen beim Militär?
Ja, einige aus meinem Umfeld sind freiwillig zur Armee gegangen. Meist junge Frauen ohne familiäre Verpflichtungen, oft sehr gut ausgebildet: Juristinnen, Journalistinnen, Medizinerinnen. Viele andere Frauen sind aus Überzeugung gegangen. Manche folgten ihrem Mann, manche wollten nach dem Tod eines Sohnes oder Verwandten selbst etwas tun. Die Motive sind sehr unterschiedlich.
Kämpfen die Frauen auch an der Front?
Durchaus. Nach offiziellen Statistiken sind etwa 5.000 Frauen an der Front. Ein größerer Teil ist in anderen militärischen Funktionen im Einsatz. Anfangs waren Frauen meist im Unterstützungsbereich, aber im Zuge des Krieges haben sich ihre Aufgaben erweitert. Sie sind Scharfschützinnen, Drohnenoperatorinnen oder Kommandantinnen von Einheiten. Auch hier zeigt sich: Der Krieg verändert Geschlechterrollen – wenn auch nicht automatisch die dahinterliegenden Strukturen.
Frauen werden also auch in der Armee diskriminiert?
Zu Beginn war nichts in der Armee auf Frauen eingestellt – zum Beispiel wurden Uniformen nur für Männer genäht. Viele Frauen hatten massive Probleme mit schlecht sitzender Ausstattung, selbst Unterwäsche war ausschließlich für Männer vorgesehen. Ehrenamtliche Initiativen sprangen ein und versorgten Soldatinnen mit passender Kleidung. Noch immer wird darum gekämpft, dass der Staat das übernimmt.
Und wie steht es um sexualisierte Gewalt in der Truppe?
Frauen werden im Militär oft paternalistisch behandelt, und immer häufiger thematisieren sie öffentlich, dass sie sexuell belästigt oder unter Druck gesetzt wurden, um sexuelle Gefälligkeiten zu leisten. Das ist ein extrem sensibles Thema. Die Armee gilt als Garant des Überlebens des Landes, deshalb zensieren sich viele selbst, wenn es um Kritik geht. Aber wenn Soldatinnen darüber sprechen, führt es zur Explosion. Es ist schmerzhaft – und zugleich wichtig, dass darüber geredet wird.
Nun fehlen der Ukraine schon seit langem Soldaten. Wird der Druck auf Frauen stärker, im Krieg mitzukämpfen? Gibt es eine Debatte über die Wehrpflicht für Frauen?
Die Debatte gibt es, aber eher mit Blick auf die Zukunft – etwa nach israelischem Vorbild eine allgemeine Wehrpflicht auch für junge Frauen. Während des laufenden Krieges sehe ich kaum eine ernsthafte Diskussion darüber. Schon wegen der fehlenden sozialen Infrastruktur. Wer würde sich um Kinder, Kranke und Alte kümmern?
Die Gesellschaft würde zusammenbrechen, wenn noch mehr Frauen an die Front gingen?
Vor Kurzem las ich eine Umfrage: 45 Prozent der Frauen leisten derzeit Care-Arbeit auf mehreren Ebenen. Gleichzeitig wird diese unbezahlte, reproduktive Arbeit kaum anerkannt. Schon gar nicht wird über Rentenanrechnungen oder finanziellen Ausgleich gesprochen. Dabei sind die Renten bei uns minimal. Mein Vater bekommt knapp 150 Euro im Monat – nach 35 Jahren Arbeit.
Dann braucht man die Hilfe der Kinder oder anderweitige Unterstützung, um im Alter zu überleben?
Wir stehen vor einer sozialen Katastrophe. Außer meinem Vater versorge ich auch eine Tante, die genauso wenig bekommt. So funktioniert das hier. Unsere Regierung handelt extrem neoliberal und übersieht viele soziale Bereiche. Sie versucht, fehlende soziale Infrastruktur durch Kommerzialisierung zu ersetzen – was nicht funktioniert. Wenn von zehn Millionen Geflüchteten nach dem Krieg nur wenige zurückkehren werden, liegt das auch an dieser mangelnden sozialen Absicherung. Schon früher waren Jobs im Ausland für viele eine Überlebensstrategie. Nach der Finanzkrise 2008 gingen zahlreiche Frauen als Pflegekräfte ins Ausland, nach Italien, Israel oder später nach Polen.
Auch nach Deutschland. Damals kamen viele Ukrainerinnen nach Berlin, reisten als Touristinnen ein und arbeiteten illegal – vor allem als Reinigungskräfte, selbst wenn sie gut ausgebildet waren.
Sie versorgten so ihre Familien. Grund war auch, dass die Regierung damals begann, Sozialleistungen stark zu kürzen und das Gesundheitswesen zu kommerzialisieren. Krankenhäuser wurden zu Dienstleistungsanbietern, die um Klientinnen konkurrieren. Sogar Krankenhäuser nahe der Front werden heute geschlossen oder zusammengelegt – trotz der steigenden Zahl von Verletzten. Bei alledem wird das Pflegepersonal übersehen. Krankenschwestern sind schlecht bezahlt und massiv überlastet. Eine muss oft für drei oder vier Leute arbeiten.
Haben Sie im Laufe des Krieges besondere Solidarität unter Frauen erlebt?
Die war enorm. Als ich für einen Monat in den Westen floh, durfte ich kostenlos in einer Wohnung leben. Ich bekam Kleidung, Hilfe, Unterstützung. Es war fast zu viel Fürsorge. Von der internationalen feministischen Community gab es überraschend wenig Unterstützung – vor allem nicht von linken Feministinnen. Zu Beginn des Krieges haben sie einen offenen Brief veröffentlicht, der ganz von alten Mustern geprägt war: Krieg sei ein männliches Projekt, Frauen müssten sich dagegenstellen. Aber wir befinden uns in einem antikolonialen Abwehrkampf. Wir verteidigen uns! Diese Haltung hat mich sehr verletzt.
Weil die ausländischen Feministinnen nicht in der Lage waren, die Perspektive zu wechseln?
Genau. Und da wir über Solidarität sprechen: Was Frauen in diesem Land prägt, ist die Haltung. Wir wollen nicht als Opfer bemitleidet werden. Wir sind Opfer – aber wir wehren uns! Zu Beginn des Krieges haben wir häufig Solidaritätsadressen bekommen nach dem Motto: „Wir schicken euch die Wärme unserer Herzen.“ Also auf die Wärme der Herzen können wir verzichten. Was wir brauchen, ist praktische politische Solidarität!
Bei allem, was Sie beschreiben – wie groß ist die Erschöpfung der Ukrainerinnen nach vier Jahren Krieg, Angst und Verlusten?
Es ist eine Erschöpfung, die an Verzweiflung grenzt. Früher sagte ich im Scherz: Ich überlebe durch geschicktes Wegschauen und Verdrängen. Aber das funktioniert nur kurzfristig. Fast alle Menschen hier sind traumatisiert. Eigentlich bräuchten wir flächendeckend Therapie – doch auch die Therapeutinnen sind überlastet oder selbst traumatisiert. Besonders belastend ist die fehlende Perspektive. Was uns am Laufen hält, ist Cortisol …
… das Stresshormon für Kampf-oder-Flucht? Dieses Hormon ist auf Dauer zerstörerisch.
Es gibt seltsame Parallelen. So sitze ich gerade in dem Haus, in dem meine Großmutter den Zweiten Weltkrieg verbracht hat. Diese Generation hat überlebt. Und wenn sie das konnte, werden wir es auch. Ich hätte nie gedacht, dass ich so stark sein könnte – auch wenn ich den Begriff „Resilienz“ kaum noch hören kann. Doch man lernt, kleine Momente von Lebensfreude zu finden. In Kiew zum Beispiel sind die Theaterkarten immer ausverkauft, trotz Beschuss und Stromausfällen. Vielleicht ist morgen alles vorbei – aber heute will man leben! (FR 11.3.26)
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