https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-04/strasse-von-hormus-persischer-golf-tim-marshall-geostrategie ZEIT 11.4.26
ZEIT: Die geografischen Verhältnisse sind aber auch so, dass sie jedem Angreifer Kopfschmerzen bereiten müssen. Die Meerenge zwischen dem Iran und Oman ist gerade mal etwa 30 Kilometer breit, und die iranische Küste lässt sich offenbar hervorragend verteidigen.
"[...] Marshall: Das stimmt, die Iraner haben eine knapp 1.500 Kilometer lange Küste am Persischen Golf – gesäumt von schroffen Steilküsten, in denen man Seezielraketen geradezu verschwinden lassen kann. Dazu kommen vorgelagerte Inseln, die sich als Verteidigungsstellungen nutzen lassen. Die Insel Charg, die rund 500 Kilometer weiter nordöstlich liegt. Unzählige kleine, fjordartige Buchten. Die Geografie begünstigt hier eindeutig den Verteidiger. [...]
geboren 1959 in Yorkshire, ist einer der bekanntesten Geostrategen Großbritanniens – also jemand, der politische Konflikte und wirtschaftliche Machtkämpfe aus der Geografie heraus erklärt. Er begann seine Karriere als Journalist und berichtete für die Radiosender LBC und BBC sowie für Sky News aus mehr als 40 Ländern. Sein Buch Die Macht der Geographie wurde in 30 Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach verkauft.
ZEIT: Ist es in der Wirtschaftsgeschichte denn ebenso häufig vorgekommen, dass jemand der ganzen Welt den Hahn zugedreht hat? Wie jetzt in Hormus ?
Marshall: Ständig, seit der Antike. Nehmen Sie den Bosporus. 405 vor Christus baute Sparta eine Flotte, nur um die Dardanellen zu kontrollieren – weil Athen sein Getreide durch diese Meerenge bezog. Die Passage ist an einer Stelle kaum zwei Kilometer breit. Als sie dicht war, war Athen erledigt. Oder nehmen Sie Hormus selbst. Im 15. Jahrhundert segelte der chinesische Admiral Zheng He dort hinein und erkannte sofort die strategische Bedeutung. Dann kamen die Portugiesen und bauten Festungen – auf Qeschm steht noch heute ein portugiesisches Fort. Damals ging es noch nicht ums Öl, sondern um den Handel mit Seide, Edelsteinen, Parfüm, Gewürzen. Als die Briten in Malakka auftauchten und im heutigen Singapur eine Basis errichteten, ging es wieder darum, Nadelöhre zu kontrollieren. Später kamen der Suezkanal und der Panamakanal hinzu. [...]
Was war so besonders an diesen Jahrzehnten der Globalisierung, und was ändert sich jetzt?
Marshall: Sie waren eine Folge der Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg – eine Zeit relativer Stabilität, mit zwei Weltmächten als Machtpole. Die Amerikaner waren die unangefochtene Superpower in Wirtschaftsfragen, und sie hielten die internationalen Wasserwege offen. Niemand wagte es, sie zu schließen. Aber diese Ära ist vorbei. Wir sind nicht mehr in der Nachkriegsordnung. Es gibt tragfähige Alternativen zu den Arrangements und Institutionen, die damals geschaffen worden sind. China und Russland bauen gerade ein Parallelsystem auf – über die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank, über die Neue Seidenstraße. Und je reicher China wird, desto entschlossener untergräbt es das alte System. Die Chinesen helfen gerne dem Iran. Seit der Revolution von 1979 ist die iranische Macht stetig gewachsen, hat sich über den gesamten Nahen Osten ausgebreitet – und gerade haben die Iraner ihre geografische Macht voll ausgespielt . [...] Hormus und Bab al-Mandab – das sind die beiden Nadelöhre, die keine stabile Ordnungsmacht haben, deshalb sind sie so gefährlich. [...] Die Häfen sind seit der Containerrevolution in den Sechziger- und Siebzigerjahren darauf ausgelegt, im Sekundentakt zu verladen. Diese Effizienz ist mit nichts an Land zu vergleichen. [...] Die Chinesen fühlen sich eingekreist – und deshalb bauen sie neue Transportwege. Eine Route führt quer durch China, durch Xinjiang nach Zentralasien. Dort geht es dann scharf links ab: durch Myanmar, wo sie einen Hafen gebaut haben, der in die Andamanensee führt. [...] Deshalb geht es bei Hormus jetzt nicht nur um den Iran, die Golfstaaten und die USA. Es geht um den globalen Wettbewerb zwischen China und Amerika. [...] Etwa 20 Prozent der Düngemittelvorprodukte kommen ebenfalls durch die Straße von Hormus. Wegen der Sperrung werden vielerorts die nächsten Ernten geringer ausfallen, die Lebensmittelpreise werden steigen. Man muss also nicht nur bei der Energie diversifizieren, sondern auch bei Nahrungsmitteln und Rohstoffen.
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