Freitag, 6. Februar 2026

Lügenfabrik

 Kaum jemand kennt ihre Namen, doch sie prägen die politische Kultur der Vereinigten Staaten bis heute: Im Jahr 1933 gründeten Clem Whitaker und Leone Baxter eine Beraterfirma, die ihr Programm unverhüllt im Namen trug – Campaigns Incorporated. Whitaker hatte, bevor er eine Nachrichtenagentur aufbaute, als Journalist für den Medienmogul Randolph Hearst gearbeitet, der aus seiner Begeisterung für Hitler und Mussolini keinen Hehl machte. Leone Baxter, die in den Zwanzigerjahren ebenfalls journalistisch tätig war, wurde nach Jahren der Zusammenarbeit Whitakers Frau. Gemeinsam schufen sie, wie die US-Historikerin Jill Lepore schreibt, "das erste politische Beratungsunternehmen der Weltgeschichte". Zunächst bediente es nur Kunden aus der Wirtschaft, doch schon bald spezialisierte es sich auf Wahlkampagnen. So wurde das Jahr 1934 zur Zeitenwende: Whitaker und Baxter leiteten einen grundstürzenden Wandel in der Art und Weise ein, wie in den USA Wahlkämpfe geführt, Themen platziert und politische Debatten ausgefochten werden.

Ihr erstes Opfer war ein sozialkritischer Schriftsteller und Intellektueller mit politischen Ambitionen: Upton Sinclair, der in Kalifornien für das Gouverneursamt kandidierte.

Der Hass auf alles Linke und Progressive, den die Anti-Sinclair-Kampagne verbreitete, kam nicht aus dem Nichts. Seit dem Ersten Weltkrieg machten rechte Kampfgruppen wie die American Legion gegen Gewerkschafter und unerwünschte Einwanderer mobil, der Ku-Klux-Klan stieg in den Zwanzigerjahren mit seiner Agitation gegen ethnische Minderheiten auch jenseits der Südstaaten zu einer Massenorganisation auf. Dann kollabierten 1929 die Börsen, die Weltwirtschaftskrise nahm ihren Lauf, und im ländlichen Amerika grassierten Armut und Verzweiflung.

In der Folge machten sich Wirtschaftsflüchtlinge aus der Kornkammer Amerikas in Massen auf den Weg ins Gelobte Land Kalifornien. [...]

Die Realität sah anders aus. John Steinbeck hat sie in seinem Jahrhundertroman Früchte des Zorns beschrieben, der Folk-Barde Woody Guthrie besang sie in seinen Dust Bowl Ballads. Von wegen anständige Löhne, regelmäßige Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf: Die Migranten erwarteten in Kalifornien Ausbeutung und Willkür, dazu Unternehmer, die weder Gewerkschaften noch Streiks duldeten, Arbeiter wie Freiwild behandelten und Aufmüpfige von der Polizei und gedungenen Schlägern in die Unterwürfigkeit prügeln ließen. [...]

Der Zuspruch für Sinclair war enorm und die Unruhe seiner Gegner groß, sah es doch für geraume Zeit so aus, als könne er sich durchsetzen. [...]   An dieser Stelle kommt die von Upton Sinclair zu Recht so genannte "Lügenfabrik" aus politischen Spindoktoren und Medienunternehmern ins Spiel, mit Campaigns Incorporated als Flaggschiff. Nach den Regeln eines Kulturkrieges von unten und eines Klassenkampfes von oben begann die Firma,Upton Sinclair zu attackieren, finanziert von Wirtschaftsverbänden wie dem Agricultural Council of California und verschiedenen anderen Organisationen. [...] Man richte eine Fälscherwerkstatt ein zur Produktion von Beweisen. Was in diesem Fall bedeutete, Dialogfetzen von Sinclairs fiktiven Romanfiguren als Überzeugung des Autors auszugeben – ein Trick, den nur literarisch versierte Bürger durchschauen konnten. Ebenso gut, sagte Sinclair, hätte man Lady Macbeth zitieren können, um William Shakespeare Anstiftung zum Mord zu unterstellen.[...]

Man engagiere mediale Lautsprecher. Dagegen war erst recht kein Ankommen. Die Los Angeles Times, seit je ein rechtes Krawallblatt, stellte die Sinclair in den Mund gelegten Zitate in einem schwarz umrandeten Kasten auf ihre Titelseite – Tag für Tag, drei Monate lang. Fast alle anderen Zeitungen in Kalifornien übernahmen die Vorlage und entfachten ein Trommelfeuer aus Fake-News: Sinclair, der Verächter von Christus, der Denunziant von Kriegsveteranen, der Prediger von freier Liebe und zügellosem Sex. Und als wäre das nicht genug, produzierte das Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer mehrere Staffeln sogenannter Newsreels, in denen Schauspieler empörte Bürger mimten und Sinclair die Pest an den Hals wünschten. 

Natürlich seien die gegen Sinclair verwendeten Aussagen aus seinen Büchern "irrelevant" gewesen, räumte Leone Baxter von Campaigns Inc. später freimütig ein. "Aber wir hatten ein Ziel: zu verhindern, dass er Gouverneur wird."

Dieses Ziel wurde erreicht. Sinclair unterlag dem Amtsinhaber Frank Merriam von den Republikanern mit 880.000 zu 1,14 Millionen Stimmen. Man kann nur spekulieren, ob die Wahl auch ohne Hetzpropaganda so ausgegangen wäre. Die Pointe ist eine andere: Die Kampagne gegen Sinclair hat das planmäßige Lügen zum Prinzip erhoben. [...]"

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