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Dienstag, 27. Januar 2026

KI-Slob

Verzerrende Nutzung von Künstlicher Intelligenz nimmt immer weiter zu. Deswegen chlagen  jetzt historische Gedenkstätten in einem öffentlichen Brief Alarm und fordern ein konsequentes Vorgehen gegen solche KI-generierten Fälschungen, da sie das kollektive Gedächtnis und das Gedenken an die NS-Verbrechen bedrohen.s

https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-holocaust-und-ns-verbrechen-klicken-sich-gut-gedenkstaetten-wehren-sich-gegen-ki-fakes-100.html

https://www.zeit.de/hamburg/2026-01/kz-gedenkstaetten-kuenstliche-intelligenz-bilder-fakes-geschichtsverfaelschung-iris-groschek

https://www.fr.de/politik/historikerin-ueber-verzerrende-holocaust-bilder-die-ki-wird-immer-besser-und-perfider-94140813.html

Samstag, 11. März 2023

Falsche Aufarbeitung des Holokaust in Deutschland? Über fragwürdige Antisemtismusvorwürfe und mehr

Susan Neiman: "Das Pogrom in Hawara ist ein Wendepunkt"

[...]  Auch Israel ist betroffen von dem autoritären Wandel, wie Polen oder Ungarn. Ist Israel also auch nur ein normaler Staat, der sich diesem Wandel ausgesetzt sieht?

Ich bin Jüdin und israelische Staatsbürgerin. Ich bekomme gerade Nachrichten von israelischen Freunden, die versuchen, nach Hawara zu kommen, um Solidarität mit den dortigen Palästinensern zu zeigen, wo letzte Woche ein Pogrom stattfand. Wir reden nicht über Orbán oder Polen. Teile der israelischen Regierung sind Faschisten, und sie bezeichnen sich auch als solche. Das wird in den deutschen Medien viel zu wenig und selten dargestellt. Die einzigen, die Mut haben, das in der deutschen Presse zu schreiben, sind Israelis. Vergleiche mit Orbán bringen nichts.

Sondern?

Sie sind in Israel eher vergleichbar mit dem Ku-Klux-Klan. Es ist nicht Netanjahu, sondern es sind Ben-Gvier und Smotrich, die das Sagen haben in Netanjahus Regierung. Sie haben ein Pogrom angestiftet. Wenn Ben-Gvier für nationale Sicherheit verantwortlich ist und sich in jungen Jahren als Terrorist aufgeführt hat, so dass er nicht einmal in der Armee dienen durfte, in der jeder und jede dient, ist das einzigartig. Er hat sich damals für ein Attentat auf Jitzak Rabin ausgesprochen, nun plädiert er dafür, dass der Rabin-Attentäter aus dem Gefängnis kommen soll. Das sind die Menschen, die die jetzige israelische Regierung anführen.

Es gibt viele Proteste wegen der sogenannten Justizreform.

Man redet immer von Justizreform, das ist aber keine Reform, es ist eine Aushöhlung der Demokratie! Reform ist wirklich ein Euphemismus. Worüber man bis vor einigen Tagen wenig redete, ist die Besetzung Palästinas. Während der Regierung unter Bennett und Lapid sind mehr Palästinenser und Palästinenserinnen in den Palästinenser-Gebieten ermordet worden als in den Jahren davor. Jetzt wird aber sichtbar, was die Welt nicht sehen wollte. Aufrechte Israelis, die versucht haben, in das Dorf Hawara zu gelangen, sind von israelischen Militärs zusammengeschlagen und zu Boden geworfen worden. Die Bilder wurden tausendfach auf Twitter und anderen sozialen Medien geteilt. Einer meiner Freunde war der Präsident des Parlaments, ein Ur-Israeli, der sagt: Ich habe mich nicht geändert, das Land hat sich geändert. Er meint, dass es die Pflicht jedes Israelis sei, in dieses Dorf zu gehen und den Palästinensern beizustehen. Es gab ja den Aufruf, das Dorf niederzureißen. Das kam von Bezalel Smotrich, dem jetzigen Finanzminister, der sich selber Faschist und einen Homophoben nennt. Es kamen dann rund 500 Israelis, um den Palästinensern zu helfen, sie wurden nicht durchgelassen. Ehrwürdige Israelis wurden einfach geschlagen von speziellen Grenztruppen in vollständiger Ausrüstung. Man hatte wohl Angst, dass die normale israelische Armee so etwas nicht mitmachen würde. Das hat eine neue Qualität, und jetzt wird bei den Demonstrationen in Israel nicht nur über die Aushöhlung der israelischen Demokratie, sondern auch über die Besatzung gesprochen.

Sie sprechen die Diskussion in Deutschland über die israelische Besatzung an. Vor einigen Jahren schrieben Sie das Buch: Von Deutschen lernen ...

Ich habe seitdem acht Aufsätze auf Deutsch geschrieben, alle auf meiner Website vorhanden, denn Deutschland hat sich verändert, seitdem das Buch veröffentlicht wurde. Das beschäftigt mich natürlich sehr. Das Theaterstück „Vögel“ wurde in München im November 2022 gecancelt, weil es angeblich antisemitisch sei. Als ich gesehen habe, dass die ehrwürdige Historikerin Natalie Zemon Davies, selber eine linke Jüdin, mit an dem Stück gearbeitet hat, war für mich schon ausgeschlossen, dass es antisemitisch sei, es ist eher die Wiederbelebung von „Nathan der Weise“. Nur weil zwei jüdische Studentinnen sich beschwerten, es sei antisemitisch, wurde es gecancelt. Drei Jahre früher spielte das Stück auf 14 deutschen Bühnen, mit hervorragenden Kritiken. Das Beispiel zeigt, wie viel sich in den letzten Jahren geändert hat.

Wie kommt es dazu?

Als Reaktion auf den Einzug der AfD 2017 in den Bundestag waren gute Deutsche erschrocken und haben überlegt, was zu tun sein. Als erstes haben sie das Büro des Antisemitismus-Beauftragten eingerichtet, sowohl auf Bundes- wie auf Länderebene. Berlin hat fünf davon. Keiner der Antisemitismus-Beauftragten ist Jude, bis auf einen, der kürzlich konvertiert ist. Das heißt, da ist sehr wenig Kenntnis vorhanden. An wen wenden sich die Antisemitismus-Beauftragten also, wenn sie etwas wissen wollen? An die Botschaft Israels und den Zentralrat der Juden in Deutschland, eine der konservativsten jüdischen Organisationen der Welt. Das ist das eine Grundproblem.

Und das zweite?

Die AfD war klüger als die anderen Parteien, sie hat eine Lektion von Steve Bannon gelernt. Sie nehmen Trump als Beispiel, man kann so rassistisch sein, wie man will, aber solange man schwört, dass man Israel liebt, und die Politik der israelischen Regierung unterstützt, kann man doch kein Nazi sein. Es war die AfD, die diese unselige BDS-Resolution in den Bundestag gebracht hat, zu einem Zeitpunkt, an dem niemand wusste, was BDS überhaupt ist. Es gab also keine Gefahr für Deutschland. Es war aus ihrer Sicht extrem klug von der AfD, denn keine andere Partei wollte nun weniger philosemitisch sein als die AfD. So haben die anderen Parteien eine abgeschwächte Version der AfD-Resolution verabschiedet, so dass niemand, der BDS-nah sei, in öffentlich geförderten Institutionen auftreten darf. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat festgestellt, dass diese Resolution gegen das Grundgesetz verstößt, deshalb wird es nicht als Gesetz, sondern als politische Meinung eingestuft. Dennoch ist die Wirkung immens. BDS-nah ist ein bewusst vager Begriff, das erste Opfer war Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Die Resolution wird benutzt, um jene zu diskreditieren, die die Besatzung Palästinas kritisieren, es sind Juden, Israelis, am schlimmsten trifft es Muslime. Ich bin der Meinung, das Ganze war ein Fehler, man spielte die Leier der AfD. Es gibt Polizeistatistiken, die zeigen, dass der antisemitische Hass und Hetze zu 93 Prozent von weißen deutschen Rechtsextremen kommt. Man versucht aber, es der Linken unterzujubeln. Es gab vor kurzem einen rechten Putschversuch in Deutschland, das wurde alles als Witz abgetan.

Nicht in der FR. Als Antisemit bezeichnet zu werden, zerstört einen in der Öffentlichkeit. Was machen die Deutschen falsch im Umgang damit? Sind sie zu vorsichtig? Und wo ist die Klarheit zu sagen, das ist ein Antisemit, der aber nicht?

Sie wollen wiederum Regeln haben, eine Definition von Antisemitismus. Ich habe die „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ unterschrieben, aber sie wurde hier in Deutschland kaum diskutiert, sondern als Witz oder antisemitisch verschrien. Die gängige Definition der International Holocaust Remembrance Alliance IHRA ist stark fokussiert auf sogenannten israelbezogenen Antisemitismus, was israelische Politik angeht. Das finde ich extrem problematisch. Natürlich gibt es Menschen, deren Kritik an der israelischen Regierung in Antisemitismus übergeht. Das würde ich als Jüdin nie leugnen. Man reagiert so panisch auf den Vorwurf, dass man gar nicht anfängt, über die Definition nachzudenken. Das muss man noch lernen. Es ist unangenehm. Ich bin antisemitisch genannt worden, ich kann darüber lachen. Ich verstehe aber, dass es Deutschen sehr schwerfällt, mit dem Antisemitismus-Vorwurf umzugehen, es ist das Schlimmste, was man einem Deutschen sagen kann.

Ist Israel ein Apartheidsstaat im Umgang mit den Palästinensern oder ein Kolonialregime, wie einige meinen? Beides wird umgekehrt auch wieder als antisemitische Position deklariert.

Es ist gut, dass Sie die Fragen so stellen, denn sie werden zu oft vermischt. Israel ist zumindest in den besetzten Gebieten ein Apartheidsstaat. Apartheid ist ein sehr klarer Begriff: zwei verschiedene Rechtssysteme für zwei verschiedene Völker, das kann kein Mensch bestreiten. Auch wenn es für ganz Israel umstritten ist, diesen Begriff anzuwenden, weil die Palästinenser nicht die gleichen Rechte wie Israelis haben, so trifft er doch in den besetzten Gebieten vollständig zu. Dem muss man ins Auge sehen. Unglücklicher finde ich hingegen die Bezeichnung Siedler-Kolonialismus, denn die Geschichte Israels ist wirklich nicht vergleichbar mit der Geschichte Südafrikas oder Algeriens, die aus völlig anderen Gründen Kolonien gegründet haben. Da mache ich einen Unterschied. Man darf aber auch die Gegenwart nicht verleugnen, indem man nur auf die Geschichte schaut. Das ist es, was schiefgelaufen ist in der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung des Holocausts. [...]"

Susan Neiman: "Das Pogrom in Hawara ist ein Wendepunkt"

Zur Person

Susan Neiman , geb. 1955 in Atlanta, ist Direktorin des Einstein Forums. Bevor sie 2000 die Leitung des Einstein Forums übernahm, war sie Professorin für Philosophie an der Yale Universität und der Tel Aviv Universität.

Aus ihrer Feder stammen die Bücher: „Das Böse denken“, „Moralische Klarheit“, „Von den Deutschen lernen“.

Donnerstag, 27. Januar 2022

"Die Schoah ist nicht nur deutsche, sondern Menschheitsgeschichte"

 Die Erinnerung an den Holocaust ist keine Frage der Abstammung, der Nationalität oder der Hautfarbe.  von 

Recht hat sie und man sollte ihren Beitrag ganz lesen, um das volle Recht dieser Aussage nachvollziehen zu können.

Allerdings macht es dennoch einen Unterschied, ob man diese Aussage als Deutscher oder als Jude, als Weißer oder als Schwarzer, als Nachkomme Himmlers oder eines Holocaustopfers macht.

 beginnt ihren Beitrag: 

"Ich war sehr bewegt, als meine Mutter die Geschichte von Anne Frank erzählte. Ohne es in Worten fassen zu müssen, dachten wir beide in diesem Moment an die Verfolgung und Flucht meiner Eltern aus Pakistan. Durch die Lektüre des Tagebuchs erfuhr ich zum ersten Mal von der Schoah." (ZEIT 26.1.22)

Als Migrantin und Geflüchtete hatte sie einen anderen Zugang zum Schicksal von Anne Frank als ein Bewohner des Gaza-Streifens. Umso wichtiger, dass von jemandem, der damit nicht einer Verantwortung ausweichen will, gesagt wird:

"Die Schoah ist nicht nur" deutsche (Geschichte), "sondern Menschheitsgeschichte". Dabei sollte man nicht außer Acht lassen, dass es natürlich auch ganz unterschiedliche Aspekte deutscher Geschichte und der Menschheitsgeschichte* gibt und dass selbstverständlich alle diese Teilaspekte der Menschheitsgeschichte sind.

Übrigens, wie liest sich der Satz "Die Schoah ist nicht nur jüdische, sondern Menschheitsgeschichte"? Fügt er dem Vorhergehenden aus Ihrer Sicht einen neuen Aspekt hinzu?

*Zum einen möchte ich darauf aufmerksam machen, dass oben sehr unterschiedliche "deutsche Geschichten" und "Menschheitsgeschichten" verlinkt sind, aber außerdem auf das Buch Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart 2022 von David Graeber und David Wengrow hinweisen, die annehmen, dass es im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder und an den verschiedensten Orten Phasen erstaunlich egalitärer Machtverteilung gab, die von heutiger Staatlichkeit aus gesehen, als Anrachien gelten können. 

Rezensionen bei Perlentaucher

Rezension von Lars Weisbrod in der ZEIT 27.1.2022

Interview mit David Wengrow in SWR2 Stand 28.1.22

Wengrow weist darauf hin, dass Kondiaronk und Louis-Armand de Lom d’Arce, auch genannt Baron de Lahontan, einen ganz wesentlichen Einfluss auf die Aufklärung hatten, der in der europäischen Geschichtsschreibung zu Unrecht weitgehend ausgeblendet oder schlicht vergessen worden ist. Ausführlich äußert er sich zum Begriff Schismogenese.

Es ist wenig originell, wenn ich jetzt behaupte, dass der Holocaust ohne zentral organisierte Staatlichkeit nicht möglich gewesen wäre. Oft wird staatlich organisierter industrieller Völkermord als das Alleinstellungsmerkmal des Holocaust gesehen, das ihn in der Menschheitsgeschichte als Singularität heraushebt.   

Montag, 27. Januar 2020

euro|topics: Auschwitz: Was tun gegen das Vergessen?

Vor 75 Jahren erreichte die Rote Armee das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Am heutigen Jahrestag erinnern etwa 200 Holocaust-Überlebende und viele Politiker in der Gedenkstätte in Polen an die Befreiung. Am Donnerstag fand bereits in Israel eine Gedenkfeier statt. Viele Autoren beschäftigt der Gedanke, wie die Erinnerung an die Schoah auch heute noch wach gehalten werden kann.
LIBÉRATION (FR)

Das Böse ist Teil der menschlichen Natur

Frans Timmermans, Vize-Vorsitzender der EU Kommission, erklärt in Libération, warum das Gedenken so wichtig ist:
„Wenn wir uns ebenso der Größe wie der Perversität des menschlichen Geists bewusst sind, verstehen wir erst wirklich die menschliche Natur und haben vielleicht eine Chance, unsere Dämonen zum Schweigen zu bringen. ... Der Holocaust ist ein einmaliges Ereignis in der europäischen Geschichte. Die Mechanismen, die ihn möglich gemacht haben, sind aber absolut nicht einzigartig, sie sind Teil der menschlichen Natur. Die Menschheit, und besonders die Europäer, haben die permanente Verpflichtung, sich dessen bewusst zu sein und das Bewusstsein dieser Dualität an künftige Generationen zu vermitteln.“
Franz Timmermans
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NEUE ZÜRCHER ZEITUNG (CH)

Empathie nicht verlernen

Die Erinnerung an die Schoah muss jederzeit wach gehalten werden, mahnt die Neue Zürcher Zeitung:
„Man muss nicht selber in Auschwitz gewesen sein, um das Entsetzen und die Trauer zu lernen. Was man über das Schlimmste aller Menschheitsverbrechen erfahren kann, ist überall verfügbar. Jeder denkende und mitfühlende Mensch wird früher oder später darauf stossen. Es braucht Wissen und Konzentration, aber vor allem Empathie und Phantasie - und in ihrer Pflege und ihrer Bewahrung ist es, wo die Gesellschaft ansetzen muss, um moralisch wach und politisch klug zu bleiben. So sehr uns die digitale Welt mit ihrem Universum des Vorformatierten und Vorverdauten das Leben erleichtert, so sehr lässt sie den Muskel der Einfühlung in andere und der eigenen Vorstellungskraft erschlaffen.“
Andreas Breitenstein
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DIE PRESSE (AT)

Vorbote des demokratischen Verfalls

Antisemitismus wird viel zu lasch entgegengetreten, klagt die frühere spanische Außenministerin Ana de Palacio in der Tageszeitung Die Presse:
„Erwähnungen von Antisemitismus werden oft mit einem Achselzucken abgetan oder sogar auf zynische Art und Weise rationalisiert. Empörung oder Solidarität mangelt es an Tiefe, und Diskussionen werden von Auseinandersetzungen über die israelische - oder sogar die US-amerikanische - Politik überlagert. ... Zwei Gründe für diese schwache Reaktion verdienen besondere Aufmerksamkeit. Der erste ist das Verblassen der Erinnerung. Die Geschichte des Antisemitismus in Europa ist fast so alt wie Europa selbst. ... Der zweite Grund ist die allgemeine Aushöhlung demokratischer Prinzipien und Institutionen. ... Wenn wir uns nicht darauf einigen können, dass Antisemitismus in unseren Gesellschaften keinen Platz hat, worauf können wir uns dann einigen?“
de Palacio Ana
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MLADÁ FRONTA DNES (CZ)

Unwürdiges Fingerhakeln über den Gräbern

Völlig unbegreiflich findet Šimon Krbec vom Studienzentrum des Genozids Terezín (Theresienstadt) in Mladá fronta dnes die Zerstrittenheit über das Gedenken an die Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren:
„Die politischen Vertreter von Ländern, deren Bürger während des Holocausts starben, beschuldigen sich gegenseitig, die Geschichte zu fälschen, der Kollaboration mit den Nazis und am Ende gar eines Anteils am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. In Europa macht sich eine gefährliche Tendenz der selektiven Wahrnehmung der Geschichte breit. ... Das Theater darüber, wer wen einlädt oder nicht einlädt, ist unwürdig. Wer sonst muss darüber regelrechte Freude empfinden, als der, der sich wünscht, dass der Holocaust ein für allemal vergessen wird?“
Šimon Krbec

Donnerstag, 23. Januar 2020

Wer waren und wer sind die Deutschen heute? Über die Schwierigkeiten der Bestimmung des Verhältnisses "der Deutschen" zum Holocaust

Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung (Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts), 2004


"Nicolas Berg untersucht die Schwierigkeiten der westdeutschen Geschichtswissenschaft im Umgang mit dem Holocaust. Geschichte und Gedächtnis, so Charles Péguy Anfang des Jahrhunderts, stehen im »rechten Winkel« zueinander: jene verlaufe parallel zum Ereignis, dieses gehe senkrecht durch es hindurch. Nicolas Berg zeigt, wie das Verhältnis der deutschen Nachkriegshistoriographie zur NS-Judenvernichtung nur mit dem Blick auf beides zugleich historisiert werden kann. Er ergänzt den historiographiegeschichtlichen Ansatz durch die Gedächtnisgeschichte und fragt nicht nur nach dem Wissensstand im Verlauf der Jahrzehnte, sondern auch nach seiner jeweiligen Historizität und seiner Veränderung. Fokus der Analyse ist der sich wandelnde Begriff von »Auschwitz« in der westdeutschen Geschichtswissenschaft vom Ende des Zweiten Weltkrieges an bis zur gegenwärtigen Diskussion. Beleuchtet werden sowohl die Spannungen zwischen den Perspektiven verschiedener Generationen, als auch die Auseinandersetzungen um die angemessenen Theorien, Methoden und Begriffe. Dabei werden nicht nur die kanonisierten Schlüsselschriften herangezogen, sondern auch lebensgeschichtliche Texte wie Briefwechsel, Tagebücher, Erinnerungen und Autobiographien berücksichtigt, viele von ihnen aus Archivbeständen. Daß es hinter der bekannt mühevollen deutschen Geschichtserinnerung an den Holocaust eine jüdische Außenseiter-Perspektive gab, der viele Jahre lang der wissenschaftliche Wert aberkannt wurde, wird an der Ablehnung der Arbeiten von Joseph Wulf deutlich, die in der vorliegenden Studie erstmals rehabilitiert werden." (Kurzbeschreibung bei Amazon) Mein Dank für den Hinweis an Lisa Rosa

Donnerstag, 30. November 2017

Mahnmal der Schande

Da "Zentrum für politische Schönheit" hat für Björn Höcke ein Mahnmal zum Gedenken an den Holocaust und an seine Rede, wo er das Holocaustmahnmal als "Monument der Schande" bezeichnete, errichtet.
Im Garten neben seinem "Refugium" in Bornhagen.
Höcke bekommt sein eigenes Mahnmal Tagesschau.de 22.11.17

Ich bin gegen Psychoterror. Ich hielt die Ohrfeige für Kiesinger für eine fragwürdige Aktion.
Wie in der Zeit der Studentenbewegung mit dem Wort faschistisch um sich geworfen wurde, fand ich entlarvend für die, die es taten.

"Mit Nazimethoden gegen Nazis" - das hat Philipp Ruch [ein (oder der?) Sprecher des "Zentrums"] in vielen Interviews mit Journalisten gesagt. Heute will er es nicht mehr wiederholen. (ZEIT 49/2017 30.11.17)

Es scheint, er macht einen Lernprozess durch.

Und doch. In einer Zeit, wo Bürgermeister tätlich angegriffen werden, weil sie sich für die Integration von Flüchtlingen einsetzen, ist es richtig, nicht den Schleier des Vergessens über entartete Politik und Völkermord zu werfen.

Es war höchste Zeit, auf das Unrecht hinzuweisen, was seit Jahrzehnten Flüchtlingen geschieht, die nach Europa kommen wollen:

„Wer ist verantwortlich für das Blut dieser Brüder und Schwestern? Niemand! Alle sagen: Ich habe damit nichts zu tun“, donnerte Franziskus in seiner Messe auf dem Sportplatz der Insel Lampedusa. Die „Kultur des Wohlergehens“ habe die Menschen taub gemacht für die Schreie der anderen.
„Wir haben uns an das Leid der anderen gewöhnt, es geht uns nichts an, es interessiert uns nicht“, rief der Papst. Die globalisierte Welt sei in eine „globalisierte Gleichgültigkeit“ verfallen.
Und es war höchste Zeit, diese Politik zu ändern. Es ist höchste Zeit für ein Einwanderungsgesetz. 
Was das "Zentrum für politische Schönheit" unternommen hat, ist fragwürdig. Was Björn Höcke betreibt, ist gefährlich. Die Agrarexporte der EU nach Afrika, die bäuerliche Existenzen vernichten, sind unverantwortlich. Sie sind das unabhängig davon, ob Flüchtlinge nach Europa kommen; aber sie zeigen, dass die europäische Politik leider nicht auf Ursachenbekämpfung der Fluchtbewegung ausgerichtet ist.
Ich bin es leid, immer wieder darüber zu schreiben. Aber es muss darüber geredet und gestritten werden.

Sonntag, 26. August 2012

noch einmal: Beschneidung

Einen wunderbar differenzierten Artikel zum Thema "Beschneidung" und einen wertvollen Beitrag zur Diskussion eines Beschneidungsverbotes hat Lorenz S. Beckhardt am 23.8.12 in der Frankfurter Rundschau geliefert. Von anderen Erfahrungen her kommend habe ich eine etwas abweichende Position, aber ich bin sehr dankbar für seinen Beitrag, weil er mir ein weit besseres Verständnis des Problems ermöglicht, als ich es ohne ihn hätte erreichen können. Er schreibt:
Natürlich ist ein Judentum ohne Beschneidung denkbar. Diskutieren, streiten, Regeln aufstellen, um sie wieder zu verändern, das ist jüdischer Alltag. Noch mag die Mehrheit auch der säkularen Juden nicht auf die Beschneidung verzichten. Salopp formuliert: Wir brauchen sie, solange der Geruch der Asche noch in unseren Kleidern steckt. Doch selbst aus einer orthodoxen Gemeinde wird schon heute niemand verwiesen, der unbeschnitten daherkommt.
Aber er weist auch darauf hin, dass es hoch problematisch ist, wenn in Deutschland eine Diskussion über Beschneidung geführt wird, ohne zu beachten, dass es bei der Begründung des Judentums bereits eine Ablehnung der Beschneidung als "barbarisch blutenden Akt" (Abraham Geiger) gab, dass diese Diskussion aber durch die Schoa (Holocaust) in einen Kontext gestellt worden ist, der die Ablehnung der Beschneidung erschwert.
Religionsfreiheit verstehen wir so, dass wir den in Auschwitz unterbrochenen Weg in die Moderne aus eigenem Antrieb und in freier Selbstbestimmung gehen, wie es seit den Tagen Moses Mendelssohns, des großen jüdischen Aufklärers, bei uns Tradition ist. Eine nichtjüdische Begleitung auf diesem Weg benötigen wir nicht; ihn nicht zu behindern, würde dieses Mal schon reichen.
Religionsfreiheit rechtfertigt in meinen Augen nicht Körperverletzung der eigenen Kinder, auch wenn diese ihrerseits noch keine Religionsmündigkeit haben können und den Eltern nicht zugemutet werden kann, ihre Kinder ohne Religion aufzuziehen, wenn sie Religion für ein "richtiges Leben" für notwendig halten.
Aber eine rechtliche Regelung der Beschneidung in Deutschland darf nicht den den historischen Kontext übergehen, in dem Beschneidung in der deutschen Geschichte steht. Dazu ist hochinteressant, zu erfahren, weshalb Beckhardts Vater seinen Sohn nicht beschneiden ließ und weshalb sich dieser mit 20 Jahren für eine Beschneidung entschied. Man lese es nach. (vgl. auch meine frühere Stellungnahme zur Diskussion eines Beschneidungsverbotes)

Nachtrag:
Charlotte Knobloch in der Süddeutschen Zeitung vom 5.9.12 zur Beschneidungsdebatte
Joachim Gauck bei Synagogeneinweihung
Hinweis auf Alfred Bodenheimer: „Haut ab!“, Wallstein-Verlag von Christian Bommarius in der Frankfurter Rundschau vom 1.12.12
Mehr zu Autor und Buch

Nachtrag vom 13.12.12:
Diskussion zu Beschneidung und Blasphemie