Freitag, 23. Oktober 2026

Perlentaucher: Aktuelles Lebensgefühl

 Oktober 2026

Fatal ist mir das Lumpenpack

23.10.2026. Es kommt nicht darauf an, die Gewalt zu verurteilen, sondern sie zu verstehen, schreibt Edouard Louis in Libération. Sein Artikel wird diskutiert - Louis spricht sich in einem TV-Interview sehr deutlich für Gewalt aus. Die taz erklärt deutschen Jugendlichen, die jetzt auch demonstrieren wollen, sie müssten sich nicht von Gewalt distanzieren, weil die eh vom Staat ausgehe. Es sind Hunderttausende AfD-Mails geleakt worden - wird es nun einfacher, die Partei zu verbieten, fragen Zeit und taz. Ebenfalls in Zeit online fragt der Ökonom Dominic Rohner, ob sich KI verstaatlichen lässt.

Die Wärme des Lebensgefühls schwindet

22.10.2026. Der Ökonom Tom Krebs plädiert in der FAZ für eine geplante Marktwirtschaft und Preiskontrollen zum Beispiel bei Strom. Der Zukunftsforscher Daniel Dettling hofft in der taz auf eine neue Partei für die radikale Mitte. Die Zeit sieht eine Europadämmerung heraufziehen, angesichts der mauen Zukunftsaussichten der jüngeren Generationen. Die Medien sind sich über die französischen Unruhen noch recht uneins: Geht es um "Free Europe", "Free Palestine" oder "Free Gucci"? Und: Die Zeitungen verabschieden Alice Schwarzers Emma.

Eine Sache zum Sterben

21.10.2026. In Frankreich haben sich die Demonstrationen gegen die Schulpolitik inzwischen in wahre Gewaltausbrüche verwandelt. Die meisten französischen Bürger haben den Staat längst aufgegeben, meint der Sozialwissenschaftler Gilles Kepel in der NZZ. BHL vermisst in der SZ bei den Demonstranten diesen mächtigen Drang in die Zukunft, der die 68er ausgezeichnet habe. Und alle geben Emmanuel Macron eine Mitschuld an den Ausschreitungen, denn: Wenn die Franzosen nichts zum Träumen haben, neigen sie zum Pessimismus, zum Defätismus, bringt es der Soziologe Jean Viard in der SZ auf den Punkt. Außerdem: Alice Schwarzer stellt die Emma ein, zumindest im Print, wie sie bei Zeit online annonciert.

Hinweise auf ein gezieltes Vorgehen

20.10.2026. FAZ, SZ, Perlentaucher und andere Medien denken über die Gewalt in Frankreich nach: Eins ist klar, die Integration ist gescheitert, konstatiert die FAZ, die SZ macht sich Sorgen um den Einfluss der organisierten Kriminalität. In Berlin wollen SPD und Grüne mit der Linkspartei regieren, nun fragen die Zeitungen: Will die Linkspartei auch? In der NZZ versucht der amerikanische Autor Gal Beckerman zu ergründen, was ein Dissident ist. 

Äußerst gefährlich für die Demokratie

19.10.2026. Die schockierende Gewalt bei den Demonstrationen in Frankreich wird die Medien in Frankreich und Europa noch länger beschäftigen - in Le Point weigert sich der  Philosoph Pierre-Henri Tavoillot, Plünderungen als Ausdruck eines berechtigten Zorns zu bezeichnen. Der Staat selbst wird in Frankreich attackiert, stellt die SZ fest. In der FAZ erklärt der Historiker Krisztián Ungváry, warum die "unblutige Revolution" in Ungarn 2026 in einer Linie mit Ungarn 1956 zu sehen ist. Die gescheiterte Hinrichtung einer Mörderin in den USA zeigt die Absurdität von Todesstrafe überhaupt, sagt die Anwältin Sandra Babcock in Zeit online.

Noch heimtückischer und noch perverser

17.10.2026. In einem von der SZ veröffentlichten Briefwechsel träumen der russische Schriftsteller Michail Schischkin und der ukrainische Verfassungsrechtler Gennadiy Druzenko von einer Zeit nach dem Krieg. Claus Leggewie überlegt in der taz, wie die CDU noch zu retten ist. In der SZ sieht Herfried Münkler den mündigen Bürger in der Krise. Die FAS beobachtet, wie Marine Le Pen und Jean-Luc Melenchon den Hass auf Deutschland schüren. Die Rede vom "Tech-Faschismus" verschleiert die wahren Gefahren, warnt in der FAS die Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla.

Der Teufel zitiert gern aus den Evangelien

16.10.2026. Politikerinnen beweisen heute, dass sie kräftig stänkern können: Vanessa Emde von links, Alice Weidel von rechts. Nur Navi Pillay setzt sich in Le Monde für die Rechte einzelner ein. Wenn schon Antifaschismus, dann richtig, meint Pascal Bruckner in Le Point, denn es gibt zwei Prätendenten für einen neuen Faschismus in Frankreich. Mit ihrem Spaß am Barrikadenbau zeigen auch migrantische Jugendliche, wie gut sie sich in die französische Revolutionsfolklore integriert haben, konstatiert Thomas Chatterton Williams in Atlantic. Könnte "Digitale Demokratie" helfen, fragt die SZ.

Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung

15.10.2026. Die Zeit empfiehlt wärmstens die Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im DHM über koloniale und nationalsozialistische Gewalt. Die SZ überlegt, was ein Ende der Russland-Sanktionen, wie von BSW und die AfD gefordert, konkret bedeuten würde. Friedensverträge gelten in Russland nur so lange, wie sie nützlich sind, erinnert der estnische Völkerrechtler Lauri Mälksoo in der FAZ. Der Religionskritiker Hamed Abdel-Samad erklärt in der Zeit, warum er im Libanon viel freier lebt als in Deutschland. Und: NZZ, Zeit, taz und Welt schreiben zum hundertsten Geburstag Michel Foucaults.

Gefährlicher Präzedenzfall

14.10.2026. Die NZZ warnt vor einer "kalten Annexion" Belarus' durch Putin. Die Ukraine braucht Europas Unterstützung, insistiert Timothy Garton Ash Im Tagesspiegel. Netzpolitik fragt, warum die Behörden biometrische Gesichtsdatenbanken gewähren lassen, obwohl sie verboten sind. taz, SZ und netzpolitik sehen die Pressefreiheit in Gefahr, weil das LG Hamburg Zeit-Interviews mit den Töchtern von Christina Block beschlagnahmt hat. Nur die FAZ fragt, ob Interviews mit minderjährigen Verbrechensopfern nicht gegen den Pressekodex verstoßen. Zu Foucaults Hundertstem erscheinen laut FAZ seine Iran-Schriften in kritischer Ausgabe.

Der Katzenjammer der Postexzellenz

13.10.2026. SZ und Welt warnen vor dem AfD-Politiker Hans Thomas Tillschneider, den jüdische Studenten am Betreten der Synagoge von Halle hinderten - Tillschneider ist ein Anhänger der antisemitischen Theorie des "großen Austauschs". Die taz berichtet aus Gambia, wo fundamentalistische Kräfte das Verbot der Genitalverstümmelung bekämpfen - die ohnehin weiter praktiziert wird. In der FR fragt Navid Kermani: Gibt es noch Gründe, in Köln zu leben? 

Und es fängt ja immer mit Selbstzensur an

12.10.2026. Philippe Sands warf in seiner Friedenspreisrede nicht nur Israel Völkerrechtsverbrechen vor, er kritisierte auch scharf die deutsche Regierung. Die FAZ ist mit der Rede zufrieden, der Perlentaucher nicht so. Unterdessen wird weiter über den Friedensnobelpreis für Navi Pillay diskutiert - ihr werden schwere Vorwürfe in ihrem Verhalten gegenüber China und dem Völkermord an den Uiguren gemacht. Großes Aufsehen erregt die Rede der tschechischen Schriftstellerin Radka Denemarková auf Frankfurter Buchmesse - sie hat anwesende Ehrengäste der tschechischen Regierung attackiert. Die FAZ zeichnet ein düsteres Bild der "Mathocalypse".

Schmale Grenze zwischen Ordnung und Chaos

10.10.2026. Die südafrikanische Richterin und Völkerrechtlerin Navanethem Pillay hat den Friedensnobelpreis erhalten: Ein deutlicher Hieb in Richtung Donald Trump, notiert die FAZ. Zeit Online erinnert an Pillays steile Karriere, die im Apartheids-Südafrika begann, die Welt blickt kritisch auf Pillays Israel-Kritik. Auch skrupellose Machthaber wie Putin fürchten das Völkerrecht, erklärt im SZ-Interview der Schriftsteller Philippe Sands, der außerdem in der taz die Einführung des "Ökozids" als fünftes internationales Verbrechen fordert. Die FAS blickt auf die Schülerproteste in Frankreich, die  Jean-Luc Mélenchon für seinen Wahlkampf instrumentalisiert.  

Aus Nützlichkeitserwägungen

09.10.2026. Ein Linksbündnis in Berlin rückt näher, das Problem mit dem Antisemitismus will man durch bürokratische Prozeduren neutralisieren - aber es bleiben viele skeptische Stimmen. Wenn die Linken nun regieren, werden sie feststellen, dass sie die Mieten nicht senken können, sagt der Neuköllner Bürger Martin Hikel im Tagesspiegel. Die Welt erzählt unterdessen, wie in Britannien die Green Party gleich zum Zentralhub für linken Antisemitismus umgepolt wurde. Die FAZ bespricht eine Rudolf-Augstein-Biografie, in der sich herausstellt, dass der Spiegel-Gründer noch mehr alte Nazis beschäftigte als bisher bekannt.

Emotional ausgebürgert

08.10.2026. Wo steht die CDU, will die taz nach der Wahl des AfD-Abgeordneten Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten von Sachsen Anhalt wissen: Auf der Seite der liberalen Demokratie oder der Autoritären? Wo stehen SPD und die Grünen, fragt die FAZ: Auf der Seite der liberalen Demokratie oder der Antisemiten und Demokratieverächter? In der NZZ fürchtet Monika Maron, Berlin könne zum Fanal für Köln, Dortmund oder Gelsenkirchen werden. Die Jüdische Allgemeine kann es immer noch nicht fassen, wie ein Angriff auf Juden den Antisemitismus entfesseln konnte. Daran ist Israel schuld, meint Pankaj Mishra in der SZ.

Nur zwei Wochen vom Frieden entfernt

07.10.2026. Heute vor drei Jahren ermordeten Hamas-Terroristen mehr als 1.200 Israelis. Der Krieg kostete auch tausende Palästinenser ihr Leben. Dennoch ist eine Zweistaatenlösung möglich, beschwört in der taz Hamza Howidy die westlichen Staaten, die sie stärker unterstützen sollen. Wenn Ruanda es geschafft hat, dann schaffen es auch Israelis und Palästinenser, ermuntern Aziz Abu und Maoz Inon in der SZ. In der FR beklagt Carolin Emcke fehlende Solidarität mit den Palästinensern. Außerdem: Wladimir Putin hat heute Geburtstag. Die NZZ erinnert an ein Geburtstagsgeschenk vor 20 Jahren, als ihm die Leiche seiner Kritikerin Anna Politkowskaja präsentiert wurde.

Unterschiedliche Toleranzen

06.10.2026. Die taz stellt jeden einzelnen AfD-Abgeordneten aus Sachsen-Anhalt vor - es ist wahrlich ein finstres Häuflein. In der FAZ polemisiert Jürgen Kaube gegen Ronen Steinke: Nein, die "Rote Hilfe" ist kein harmloser Rechtshilfeverein. Ebendort denkt Souad Mekhennet über den 7. Oktober nach. In der FR erklärt der designierte Friedenspreisträger Philippe Sands, warum er sich nicht zum Völkermord-Vorwurf gegen Israel äußern wird. 

Alles andere als verdruckst

05.10.2026. Die taz besucht Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt - dort wartet man bang auf die kommende AfD-Regierung. Wolf Biermann in Zeit online und Klaus Lederer in progressive-linke.de setzen sich mit dem Versagen der Linken vor der eigenen Geschichte auseinander. taz und Guardian erzählen, wie Linkspartei und Green Party unter Einfluss gerieten. In Zeit online bekennt Anne Rabe ihr Entsetzen vor dem Kabarettisten Uwe Steimle. In der Welt erinnert der kurdische Historiker Hamit Bozarslan daran, dass Revolutionen nicht immer links sind. 

Hand in Hand mit den netten Nerds

02.10.2026. Nicht nur ist morgen Nationalfeiertag und darum frei - nächste Woche beginnt auch noch die Buchmesse. Die Zeitungen platzen förmlich und bringen Freitagsausgabe, Samstagsausgabe und Buchmessenbeilagen auf einmal. Jetzt müssen wir nur noch die Krise des Lesens bewältigen, so die SZ. Für die FAZ hat Stephan Malinoski jedenfalls schon Mal 3.000 Seiten Hannah Arendt über Totalitarismus bewältigt. Und das Leben geht weiter: In der SZ erzählt Lea Streisand, wie sie von links und rechts bedroht wird. Und in NZZ und Zeit warnen Giuliano da Empoli und Timnit Gebru vor den Tech Bros und ihrer KI.

Es sei eine unangenehme Situation gewesen

01.10.2026. Die Islamdebatte steckt in einer Sackgasse, meint in der Zeit Saba-Nur Cheema, progressive Muslime werden im Stich gelassen. Ebenfalls in der Zeit wirft der israelische Journalist Shlomi Eldar Benjamin Netanjahu vor, alle Warnungen vor einem Attentat der Hamas ignoriert und alle Friedensbemühungen, die die Geiseln gerettet hätten, torpediert zu haben. Wenn die Deutschen über Russland sprechen, sprechen sie fast immer über sich selbst, meint im Interview mit der FAZ die Politikwissenschaftlerin Gwendolyn Sasse. Und: Es wird munter weiter über die Linke in Berlin debattiert.

Schülerinnen und Schüler protestieren

 Und auch privat ist längst zu spüren: Der Zusammenhalt der Generationen schwindet. Wem versprechen wir noch eine Zukunft?

https://www.zeit.de/2026/46/generationenkonflikt-europa-jugend-demokratie-generationenvertrag

Elisabeth von Thadden

"Es gibt diese Momente, wenn ein paar Leute im Raum feinherb zu lachen beginnen und andere sich wundern, was denn da gerade komisch ist. [...] die Tagesschau meldete, man habe festgestellt, es wäre gut, ab dem Alter von 30 Jahren pro Kopf 700.000 Euro für die Rente anzusparen, bei einem Durchschnittsgehalt von 4.500 brutto im Monat. So hätte man im Alter 80 Prozent des letzten Nettogehalts zur Verfügung. Da fingen diejenigen an zu lachen, die man die jungen Leute nennt, um die 25. Funny! Lustige Zahlen, lustige Wörter: Ansparen. Anlagehorizont. Alter. In vier Jahrzehnten soll irgendwas an uns ausgezahlt werden? Wie denn das? [...]

Noch ist man von den herbstlichen Bildern des brennenden Nachbarlands Frankreich erschüttert,[...]Die eigene Zukunft hat, wenn man Mitte zwanzig ist und in Europa lebt, ein echtes Erwartungsenttäuschungs-Problem. [...] Die jungen Polen beispielsweise, eher optimistisch gestimmt, sind nicht auf den Straßen, wie auch die Skandinavier nicht. Die jungen Spanier wählen nicht auffällig rechtspopulistisch, wie es junge Deutsche und Franzosen tun, protestieren aber für erschwingliche Mieten. Die jungen Italiener haben nicht in besonders markanter Zahl Giorgia Meloni gewählt, sie protestieren für ein bezahlbares Leben, doch zudem für bessere Bildung, wie es auch die jungen Franzosen tun. Die Motive der Demonstranten aber sind hier wie dort durch marodierende Plünderer überdeckt.

Doch eins haben diese jungen Leute, die da in europäischen Zahlen statistisch kühl erfasst werden, messbar gemeinsam: Die Wärme des Lebensgefühls schwindet. Der Optimismus nimmt ab, die Hälfte der Jugend meint, es werde der eigenen Generation schlechter gehen als den Eltern. Nur die Hälfte hält noch die Demokratie für die beste Staatsform, nicht grundsätzlich, sondern weil sie nicht hinreichend gut funktioniere. [...] Wer Glück hat, den begleiten die Eltern, eine wohlhabende Großtante [...]. Die Solidarität der Generationen ist zurzeit eines der hohen Güter. Wenn die Zuversicht schwindet, kann alles kippen.

Bisweilen sitzen unterdessen auch Eltern zusammen, im Alter der Boomer [...] stellt sich im Gespräch die gemeinsame Erkenntnis ein, dass die eigenen Töchter zuletzt vermehrt links gewählt haben. [...] Die Jungs hingegen: Der eine oder andere wählt die FDP, gar AfD oder halt gar nicht, und in Südkorea sei es genauso, liest man, auch in den USA, überhaupt weltweit, die jungen Frauen, je akademischer sie sind und je städtischer, passen zu den Jungs nicht gut. [...]  Der heutige Gap macht die Paarbildung nicht eben leicht. Erst recht nicht die Fortpflanzung oder gar die Verteilung von Care-Aufgaben. [...] Zwischen hohen Erwartungen und der Realität klafft ein Abgrund. Der sorgt für Enttäuschung. Typisch für Illusionen, die platzen: Der Traum von einem Durchschnittsgehalt liegt bei rund 7.300 Euro. [...] die wichtigsten Statussymbole [...] an erster Stelle die Intelligenz, dann: beruflichen Erfolg, Fitness, Reisen und Schönheit." [Sorge vor Arbeitslosigkeit]

"Ein Staat wie der französische, der bedauernd sagt, dass leider kein Geld mehr da sei, während er um die Renten der Boomer ringt, der hat dann als Vertrauenspartner für die junge Generation schlechte Karten. Das ist zwar kein Grund, ein Rathaus in Flammen zu setzen [...] Doch darf jede Abiturientin [...] heute für sich reklamieren, dass es nicht ihr Verschulden ist, wenn der [...] Staat pleite ist. Denn als er die Schulden kräftig aufgetürmt hat, war sie noch gar nicht geboren. Und weil die Aufrüstung jetzt ein horrendes Geld kostet, im Ernstfall aber nur junge Leute zum Militär an die Waffen müssen, um eine alte Bevölkerung zu beschützen [ist auch Gerechtigkeit nicht zu verspüren, weil]  ganze europäische Landstriche durch Abwanderung alt und männlicher werden, weil besonders die jungen Frauen weggehen. [...] inzwischen circa doppelt so viele Menschen in Rente gehen wie die Schule verlassen, [...]"

Während man zu ahnen beginnt, was passiert, wenn das arktische Eis erst geschmolzen ist und die Temperaturen durch diesen Verlust weiter steigen, wie auch die Pegelstände. Gewiss ist nur: Es betrifft die eigene Lebenszeit. Die Boomer mit ihren Rekord-Energieverbräuchen sind dann schon fort. [...] Lange hat es im alternden Europa gegenüber den Jungen beschwichtigend geheißen: No worries, der demografische Knick wird euch helfen, ihr findet garantiert Arbeit und Wohlstand [...]  Wenn jetzt aber das Nadelöhr zum Arbeitsmarkt wider Erwarten doch eng wird, durch die KI [...] so ist das die nächste Enttäuschung: Denn wenn der Arbeitsmarkt nur noch wenige braucht, [...] dann muss man optimal lernen dürfen, wie die jungen Chinesen es angeblich tun. Dann gibt es da keinen Grund mehr für Geduld,[...]  Ein Staat wie der französische, der bedauernd sagt, dass leider kein Geld mehr da sei, während er um die Renten der Boomer ringt, der hat dann als Vertrauenspartner für die junge Generation schlechte Karten. Das ist zwar kein Grund, ein Rathaus in Flammen zu setzen, [...] Doch darf jede Abiturientin [...] heute für sich reklamieren, dass es nicht ihr Verschulden ist, wenn der [...] Staat pleite ist. Denn als er die Schulden kräftig aufgetürmt hat, war sie noch gar nicht geboren. [...]"

https://antworteneinerki.blogspot.com/2026/10/bruno-latour-nikolaj-schultz-zur.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Ivan_Krastev#After_Europe

https://www.perlentaucher.de/9punkt/2026-10-23.html: "Der Soziologe Fabien Truong wundert sich nicht über die Gewalt bei den Schülerdemos in Frankreich. Gerade die ärmeren Schüler würden in einem permanenten Ausnahmezustand leben, erzählt er im Interview mit dem Tagesspiegel: "Zusammen mit meinem Kollegen Jérôme Truc habe ich zehn Jahre lang in Grigny recherchiert, der ärmsten Stadt Frankreichs. Bei vielen Menschen in prekären Verhältnissen geht es täglich darum, etwas zu essen zu bekommen und eine Arbeitsmöglichkeit zu haben. In den Schulen ist es ähnlich. Tag für Tag geht es darum: Habe ich heute einen Lehrer oder nicht? Habe ich Tische? Habe ich einen Stuhl? Es geht immer nur um das Überleben im Hier und Jetzt. Das nennen wir 'permanenten Ausnahmezustand'. Die Beziehung zur Zukunft ist in gewisser Weise ausgelöscht. Dazu kommen die Klimakrise, die geopolitische Unsicherheit und vieles mehr. Es entsteht ein enormer Druck, ähnlich wie in einem Schnellkochtopf." "

Montag, 19. Oktober 2026

euro|topics: Frankreich: Was steckt hinter dem Aufruhr?

 

Frankreich wurde am Wochenende von einer heftigen Gewaltwelle erschüttert. Nach Protestmärschen gegen soziale Probleme kam es in mehreren Städten zu Brandstiftungen, Zerstörungen und Straßenschlachten. Präsident Emmanuel Macron sprach von "Aufrührern aus ultralinken Gruppierungen", die zusammen mit Kriminellen ungezügelte Gewalt ausgeübt hätten. Europas Presse beleuchtet die Lage und ihre Hintergründe.

Le Point (FR)

Katastrophales Scheitern der Institutionen

Das Land versinkt in einer tiefen Krise, klagt Le Point:

„Keine führende Persönlichkeit erweist sich der Lage gewachsen. Emmanuel Macron stößt auf Ablehnung, die Präsidentschaftskandidaten der demokratischen Parteien finden kein Gehör, die Minister stehen blass da. Das Chaos, die auf einen Umsturz abzielende Gewalt, Defizite und eine Schuldenlast: All dies bringt Frankreich um den nötigen Spielraum für eine Bewältigung der Krise und wird im Land als tragisches Scheitern einer auslaufenden Herrschaftsphase wahrgenommen. … Der 17. Oktober wird einen Wendepunkt darstellen. Frankreich hat der Welt ein erschreckendes Bild geboten. ... Die Institutionen sind erschüttert. Das Vertrauen ist dahin. Wladimir Putin und Donald Trump reiben sich die Hände.“

Sylvie Pierre-Brossolette
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Proto Thema (GR)

Modernisierung gewollt, Chaos gestiftet

Proto Thema schreibt besorgt:

„Die Bürger erleben eine Verschlechterung ihres Alltags, während sie weiterhin hohe Steuern zahlen. Junge Menschen befürchten, ein schlechteres Leben zu führen als ihre Eltern. Und die Regierungen reagieren mit Versprechen, von denen sie wissen, dass sie sie nicht halten können. Jeder bekämpft jeden. Das perfekte Rezept für Chaos und den Triumph der Extremen. Emmanuel Macron wurde vor fast zehn Jahren als der Mann gewählt, der alte ideologische Gräben überwinden und Frankreich modernisieren würde. Heute beendet er seine Amtszeit und hinterlässt eine tief gespaltene Gesellschaft und eine politische Mitte, die Mühe hat, selbst ihre traditionellen Anhänger zu überzeugen.“

Tasos Karamitsos
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Der Standard (AT)

Duell der Radikalen

Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle analysiert in Der Standard:

„Der tiefere Grund ist, dass die französische Republik ihren Jungbürgern ein Versprechen macht, das sie nicht einhalten kann: das Versprechen der Gleichheit, der égalité. Wer in der Vorstadt aufwächst, erfährt das meist am eigenen Leib. ... Die größte Verantwortung tragen indessen zwei politische Extremisten. Die Rechte Marine Le Pen setzt die soziale Republik allein schon mit ihrer Präsidentschaftskandidatur unter Strom. Linkenchef Jean-Luc Mélenchon gießt täglich Öl ins Feuer der Schülerproteste und sägt an der Autorität des Staates und der – in Frankreich noch nie sehr intelligent agierenden – Polizei. ... Das Duell der beiden Extremisten ... spaltet und zersetzt die Demokratie und treibt die Auseinandersetzung unweigerlich einem Siedepunkt zu.“

Stefan Brändle
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De Morgen (BE)

Profiteure in den Blick nehmen

De Morgen hält es für wichtig, nach denen zu suchen, denen gewalttätige Proteste Nutzen bringen:

„Die Frage ist nicht nur, wer hinter den Masken steckt, sondern auch: Wer profitiert politisch von diesen Verbrechen? ... Die Antwort lautet: Marine Le Pen. Jede Brandbombe und jede Plünderung sind Wasser auf die Mühlen der französischen Radikalrechten, da in der öffentlichen Meinung nun der Ruf nach Ordnung immer lauter wird. Sehr zur Freude Putins, der Le Pen einst einen Kredit verschaffte und darauf setzt, dass sie die Unterstützung für die Ukraine einstellen wird, sowie Trumps, dessen nationale Sicherheitsstrategie Parteien wie die ihre bestärkt.“

Maarten Rabaey
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El País (ES)

Anderswo geht Protest auch gewaltfrei

Aufruhr ist in Frankreich normalisiert, bedauert El País:

„Die Zerstörungsszenen in Frankreich haben weniger mit studentischen Forderungen zu tun als vielmehr mit dem Wunsch, die Symbole der Republik anzugreifen und eine europäische Demokratie zu destabilisieren. … Frankreich hat die Welt bereits an Bilder gewöhnt, die in jeder anderen Demokratie inakzeptabel wären. Wer sich an die Mobilisierungen vor wenigen Tagen in Spanien wegen der Wohnungskrise erinnert, versteht, dass man Unzufriedenheit auf der Straße ausdrücken und soziale Verbesserungen fordern kann, ohne zu Gewalt zu greifen.“

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Ilta-Sanomat (FI)

Der Euro am Rand eines neuen Abgrunds

Ilta-Sanomat fürchtet eine Ausweitung der Wirtschaftskrise Frankreichs:

„Eine Lösung ist nicht in Sicht – und auch die Proteste nehmen kein Ende. Gleichzeitig steuern die öffentlichen Finanzen Frankreichs auf eine Katastrophe zu. Die Staatsverschuldung wird im nächsten Jahr auf über 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, und das Haushaltsdefizit liegt bei 5,4 Prozent. … Die Gefahr einer Eurokrise ist offensichtlich, was die Auswirkungen des französischen Brandherdes auch auf Finnland verstärken würde. Die Wirtschaftskrisen in Griechenland und Italien waren gering im Vergleich zu dem, was die Krise der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas für Europa bedeuten könnte.“

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