Donnerstag, 18. Juni 2026

Jeffrey Sachs und seine Forderung nach mehr Multipolarität

Jeffrey Sachs  Multipolarität

Jeffrey Sachs: Offener Brief an Merz 26.5.26

"[...] als ich Ihnen vor einem halben Jahr einen offenen Brief schrieb, habe ich an Deutschland appelliert, die Diplomatie gegenüber Russland zu suchen, anstatt den Krieg zu normalisieren. Sechs Monate später hat sich die Lage in Europa dramatisch verschlechtert. Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg. In dieser Situation tragen Sie, Herr Bundeskanzler, eine einzigartige Verantwortung. Kein anderer europäischer Staats- und Regierungschef – weder in Paris, noch in Warschau, noch in Rom – verfügt über das Gewicht Deutschlands oder hat die Macht, die Sie persönlich besitzen, diese Katastrophe zu verhindern. Werden Sie sich für den Frieden einsetzen?"

"Der 2+4-Vertrag und die Osterweiterung der NATO

Am 12. September 1990 unterzeichnete Deutschland in Moskau den Vertrag über die endgültige Regelung der Angelegenheiten Deutschlands – den „2+4-Vertrag“ –, der die deutsche Wiedervereinigung vollendete. Dieser Vertrag kam zustande, weil Michail Gorbatschow von Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl, James Baker und anderen westlichen Staats- und Regierungschefs die feierliche Zusicherung erhielt, dass die NATO nicht nach Osten expandieren würde. Die freigegebenen Akten – darunter die nun öffentlich zugänglichen Memoranden des National Security Archive der George Washington University – sind eindeutig: Diese Zusicherungen wurden gegeben und sollten sich, wie damals klar formuliert, über das Gebiet der ehemaligen DDR hinaus auf Osteuropa erstrecken. Sie wurden 1990 und 1991 bekräftigt. Der 2+4-Vertrag beschränkt die Stationierung von NATO-Truppen in der ehemaligen DDR und erinnert an die Grundsätze der Schlussakte von Helsinki, die betont, dass die Sicherheit keiner Nation auf Kosten der Sicherheit einer anderen gehen darf. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Sowjetunion westliche Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ablehnte, aber NATO-Armeen in Warschau, Vilnius oder Kiew gleichgültig gegenüberstand? Natürlich nicht. Die NATO-Erweiterung wurde ausführlich erörtert, und Deutschland gab der sowjetischen Führung ausdrückliche Zusicherungen, die Erweiterung nach Osten zu verweigern – und brach diese später. Deutschland profitierte am meisten von diesen Zusicherungen, die die Gegenleistung für die deutsche Wiedervereinigung darstellten. Doch bereits 1993 begannen deutsche Politiker, diese Zusicherungen zu brechen."

Jeffrey Sachs: Wenn wir vom Abgrund des Kriegs wegwollen, müssen wir ehrlich sein, Berliner Zeitung 17.6.26

2. Die Bukarester Erklärung von 2008 und die Strategie der NATO-Erweiterung:

Bundeskanzlerin Merkel schreibt in ihren Memoiren, dass sie zum Zeitpunkt des Bukarester Gipfels 2008 verstand, dass ein NATO-Beitritt der Ukraine und Georgiens einer Kriegserklärung an Russland gleichkäme. Sie kannte Russlands rote Linie. Dennoch gab sie dem amerikanischen Druck nach und akzeptierte die Formulierung, dass die Ukraine und Georgien NATO-Mitglieder „werden“. Dieser eine Satz löste die Katastrophen von 2014 und 2022 aus.

Wikipedia:

"Nach Gideon Rachmans Rezension (Financial Times) stellt Sachs den Exzeptionalismus als das bestimmende Merkmal der amerikanischen Herangehensweise an die Welt im 20. Jahrhundert dar, dem Trumps „America First“-Ideologie noch Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Protektionismus hinzufügt habe. Er sieht in Sachs’ Argumentation eine Abkehr von der Annahme, dass Amerika als Kraft des Guten in der Welt gewirkt habe. Sachs beharre auf der globalen Natur der Probleme der Menschheit und fordere daher ein neues Engagement für UNO, Klima, Krankheiten und Flüchtlinge. Den großen Fehler seines Ansatzes sieht Rachmann darin, dass er die US-Außenpolitik hart und skeptisch beurteile, dies aber gegenüber Russland und China unterlasse. Er glaube weitgehend der russischen Darstellung der Kriege in der Ukraine und in Syrien und „ignoriert dabei nicht nur die Ansichten der politischen Entscheidungsträger in Washington, sondern auch der mitteleuropäischen Länder, der syrischen Opposition und der meisten Nachbarn Syriens“. Ähnlich unkritisch verfahre er bei Reden von Präsident Xi Jinping vor dem Kongress der Kommunistischen Partei in Peking im Jahr 2017.[48] John Glaser (Cato Institute) sieht die These von Sachs’ „außenpolitischem Traktat für Laien“ darin, dass die selbstgerechte Idee, über dem Recht zu stehen, es begründen und brechen zu dürfen, die US-Außenpolitik zu den Extremen internationaler Heuchelei und unerbittlichen militärischen Interventionismus getrieben habe. Dadurch seien Ressourcen verschwendet, neue Feinde geschaffen und Gelegenheiten friedlicher Zusammenarbeit verpasst worden. Glaser sieht in der Darstellung Sachs’ Vereinfachungen, Polemik und Mangel an Nuancen, die allgemeine Stoßrichtung von Sachs’ Argument sei jedoch sowohl vernünftig als auch überzeugend. Der Rezensent bezieht sich dabei auf Sachs’ Kritik der NATO-Erweiterung, des Irak-Kriegs und der Intervention in Libyen, der Brüche internationaler Normen und der Kündigung von Abrüstungsabkommen. Die angebliche Gefährdung durch China und Russland betrachte Sachs als self fulfilling prophecy. Um die USA aus einem neuen Krieg herauszuhalten, müsse unter anderem die CIA umstrukturiert werden, der Kongress müsse seine Entscheidungsbefugnis über Krieg und Frieden wiederherstellen. Sowohl Sachs’ Diagnose als auch sein Rezept, so Glaser, passten gut in eine sich entwickelnde Debatte über die Zukunft der US-Großstrategie, in der Zurückhaltung und Diplomatie wichtig seien.[49] In seiner Rezension von 2019 verweist Anton Peez auf der Rezensionsseite der London School of Economics and Political Science auf die Definition von Exzeptionalismus als „'inhärentes Recht, die internationalen Verkehrsregeln zu machen und zu brechen' – eine Vorstellung, von der 'America First' eine rassistische und populistische Variante ist“. Peez findet Sachs’ „Linse des Sicherheitsdilemmas“ hilfreich, um zu argumentieren, dass „'was für [die USA] wie eine offensive Aktion aussieht, der Versuch eines Staates sein kann, sich zu verteidigen'“. Er fordert Sachs jedoch auf, die Menschenrechtsstandards, die er zu Recht auf die USA anwendet, auch auf Russland und China anzuwenden.[50]"

Donnerstag, 11. Juni 2026

euro|topics: 100 Tage Iran-Krieg: Gordischer Knoten in Nahost?

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat am Sonntag die Dauer von 100 Tagen erreicht. Trotz vereinbarter Waffenruhe kommt es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen Washington und Teheran. Darüber hinaus bleibt auch der Libanon weiter ein Konfliktherd, in dem sich Israel und die Hisbollah heftig bekämpfen. Kommentatoren ziehen eine bittere Bilanz.

Der Standard (AT)

Keiner will am Ende als Verlierer dastehen

Dieser Krieg dreht sich nur noch um Stolz und Eitelkeiten, betont Der Standard:

„Die inhaltlichen Verhandlungen über ein Abkommen sind schwierig genug. ... Aber noch komplizierter ist ein psychologischer Faktor: Donald Trump und die iranischen Machthaber möchten sich beide am Ende zum Sieger erklären und keinesfalls als Verlierer dastehen. Deshalb fühlen sie sich bemüßigt, auf angebliche und echte Provokationen des anderen entschlossen zu reagieren. Wenn eine Seite schießt, muss die andere zurückschießen – und schon ist die Waffenruhe wieder in Gefahr. Jeder möchte die letzte Rakete abfeuern und damit beweisen, dass man der Stärkere ist. Militärisch haben die Angriffe der vergangenen Tage überhaupt keinen Sinn, sie dienen nur dem verletzten Stolz in Washington und Teheran.“

Eric Frey
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Naftemporiki (GR)

Strategische Unklarheit

Naftemporiki analysiert:

„Die Lage im Nahen Osten gleicht zunehmend einem Konflikt, der sich einem eindeutigen Ausgang entzieht. Auf der einen Seite ist die Diplomatie praktisch 'eingefroren'. Die Drohungen zwischen Washington und Teheran gehen fast täglich weiter, die militärischen Angriffe haben nicht aufgehört und jeder neue Vorfall wird als möglicher Auslöser für eine weitere Eskalation dargestellt. Andererseits ist der Waffenstillstand nicht vollkommen am Ende, die Kommunikationskanäle bleiben offen und beide Seiten vermeiden sorgfältig den Schritt, der zu einem totalen Krieg führen würde. ... Das Ergebnis ist eine eigenartige Situation strategischer Unklarheit. Niemand gewinnt, niemand verliert und niemand scheint bereit zu sein, das Spiel bis zum Äußersten durchzuziehen.“

Efi Triiri
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La Vanguardia (ES)

Teheran kommt die Lage zugute

Das iranische Regime kann bestens Nutzen aus dem Krieg ziehen, meint La Vanguardia:

„Der große Gewinner ist der Iran. ... Im Inland hat er die Aufstände unter dem Vorwand, den Islam gegen einen äußeren Feind zu verteidigen, niedergeschlagen. ... Mit der Blockade der Straße von Hormus hat er ein strategisches Instrument entdeckt, das ihm beispiellose Macht verleiht. ... Unter diesen Umständen ist es dem Iran nur recht, wenn sich der Konflikt in die Länge zieht. Sein Plan war es stets, die angespannte Lage in der Region aufrechtzuerhalten. Deshalb hat er Aufständische im Libanon, im Jemen, im Gazastreifen und in Syrien unterstützt oder internationalen Terrorismus finanziert. Das Ajatollah-Regime kann in aller Ruhe mit Trump verhandeln, während es sein Atomprogramm und sein Raketen- und Drohnenarsenal ausbaut.“

Jordi Juan
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euro|topics: Fußball-WM: Geht so Fairplay?

 

Das Spiel Mexiko gegen Südafrika gibt am heutigen Donnerstag den Auftakt zur Fußball-WM der Männer. In den drei Gastgeberländern Mexiko, Kanada und USA tritt eine Rekordzahl von 48 Teams in über 100 Spielen gegeneinander an. Viele Entscheidungen der Veranstalter stehen für Europas Presse im Kontrast zu den Werten, die der Sport verkörpern sollte.

Hämeen Sanomat (FI)

Chancengleichheit ist hier ein Fremdwort

Hämeen Sanomat stellt klar:

„Wer behauptet, Sport sei nicht politisch, redet Unsinn. Auch diese Weltmeisterschaft ist sehr politisch. Vor allem das Gastgeberland USA und der Iran stehen im Mittelpunkt. Die iranische Mannschaft darf an Spieltagen auf die Seite der USA kommen, ansonsten ist sie jedoch in Mexiko untergebracht und trainiert dort. Den USA passte es auch nicht, dass die Spiele des Iran in Mexiko oder Kanada ausgetragen worden wären, obwohl das Land dies den USA vorgeschlagen hatte. Im Fußball spricht man gerne von Werten: Fairness und Gleichberechtigung. Bei der Organisation des Turniers ist man noch weit von den Werten der Fußballwelt entfernt. Hoffentlich gelten wenigstens auf dem Platz die Regeln des Fairplay.“

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Hospodářské noviny (CZ)

Manche müssen draußen bleiben

In den USA wird sich nicht alles nur um Fußball drehen, glaubt Hospodářské noviny:

„Vorrangiges Thema werden die Einreisebestimmungen der USA sein, denn die Bekämpfung von Migration im Zusammenhang mit dem Schutz vor potenziellen Terroristen ist Trumps zentrales Thema. Die iranische Nationalmannschaft, die in Mexiko ihr Quartier hat, reist für die Spiele nach Los Angeles, doch dürfen Fans mit iranischem Pass nicht einreisen und sie unterstützen – ähnlich wie bei drei anderen Teilnehmerländern (Haiti, Senegal und Elfenbeinküste). ... Der beste afrikanische Schiedsrichter, Omar Artan, der von amerikanischen Grenzbeamten aus Miami zurückgeschickt wurde, weil er einen somalischen Pass besitzt, weiß das nur zu gut.“

Martin Ehl
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Visão (PT)

Erfolgsmodell Integration

Die WM kann auch ein Zeichen gegen den Anti-Immigrationsdiskurs der Rechtspopulisten sein, schreibt Visão:

„Sport dient nicht dazu, die Welt zu verändern, aber er hilft in manchen Fällen dabei, die Realität, in der wir leben, zu erklären. Die besten Fußballmannschaften sind zunehmend perfekte Beispiele für multikulturelle Integration, in denen jeder Spieler weiß, wie er seine Rolle für ein gemeinsames Ziel erfüllen muss. … Isolationistische Populisten verstehen es zwar, mit Worten zu spielen, aber in Wahrheit verstehen sie nichts von dem Spiel, auf das es ankommt: dem Spiel der Entwicklung und des Fortschritts, mit Chancen für alle. Hoffen wir, dass wir zumindest einen Monat lang, während der Weltmeisterschaft, diese Lektion auf den Spielfeldern Nordamerikas lernen können.“

Rui Tavares Guedes
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Denník Postoj (SK)

Zum exklusiven Event verkommen

Denník Postoj reibt sich an der Kommerzialisierung:

„Die Kombination aus strengen Visabestimmungen und horrenden Ticketpreisen macht dieses Event für viele Fans aus der unteren und mittleren Einkommensschicht unerschwinglich. Doch Fußball ist ein Volkssport, und genau das macht seine besondere Atmosphäre aus. Die Fifa-Führung agiert seit einiger Zeit so, als wolle sie die Weltmeisterschaft zu einem Event für die oberen Zehntausend machen. Sie sieht sich zunehmender Kritik ausgesetzt, dass sie viel mehr an ihre eigenen Einnahmen und Sponsoren als an die normalen Fans denkt. Die pompöse Halbzeitshow beim Finale ist ein treffendes Beispiel für diese Entwicklung.“

Jozef Majchrák
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Jyllands-Posten (DK)

Der Ärger wird schnell verfliegen

Sobald der Ball rollt, wird die berechtigte Kritik leider wieder verstummen, befürchtet Jyllands-Posten:

„Infantino hat sich mit Trump eingelassen und die Fußballfans der launischen Gnade des US-Präsidenten ausgeliefert. Und das alles nur, um Geld und Macht zu erlangen. Schon jetzt birgt die Veranstaltung alle Zutaten, um sich zu einer absurden Freakshow zu entwickeln. Aber wir wissen auch, dass Kritik meist übertönt wird, sobald der Ball rollt. So war es zuletzt in Katar, so wird es vermutlich auch in den USA sein – und das wird sich sicher wiederholen, wenn die nächste Weltmeisterschaft in … Saudi-Arabien stattfindet. Das ist zutiefst bedrückend.“

Henrik Højgaard Sejerkilde
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Trouw (NL)

Spielverderber ignorieren

Die Mächtigen dürfen dem Volkssport nicht die Schau stehlen, findet Trouw:

„Diese WM gehört weder Trump noch der ICE, noch nicht einmal Fifa-Chef Gianni Infantino. Der Fußball wird von zu vielen Menschen geliebt, als dass man ihn wegnehmen könnte. ... Dass sich ihr Land für diese WM qualifiziert hat, macht die Menschen aus Kap Verde, Curaçao, Haiti, der Elfenbeinküste, dem Iran und dem Kongo zu Recht stolz. Sie werden feiern wollen, und man kann nur hoffen, dass sie dies auch ausgiebig und ausgelassen tun. ... Der Wert des Fußballs ist zu groß, als dass er von den Launen der Machthaber unserer Zeit überschattet werden dürfte.“

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