Die
gestiegene Zahl von Obdachlosen in Berlin wirft viele Fragen auf.
Da
liegt ein Mann auf der Straße. Seitlich, mit dem Rücken Richtung
Hauswand, die Hände unter den Kopf gelegt wie ein Kind, seine
schmutzverkrusteten Füße in zerrissenen Gummilatschen zucken. Er
lebt. Und die, die an ihm vorbeieilen, leben auch. Frauen mit
Einkaufstrolleys, eine Kindergartengruppe mit Warnwesten, eine
Mädchenclique in Shorts und Cowboystiefeln, ein Mann mit einem Baby
im Tragetuch und zwei Rollstuhlfahrende – um nur einige zu nennen,
die in der gleichen Minute wie ich an dieser Stelle in
Berlin-Kreuzberg den Kottbusser Damm entlangströmen.
Der
Mann an der Hauswand ist nicht der einzige Gestrandete auf der kurzen
Strecke zwischen der U-Bahn-Station Schönleinstraße und der
Kottbusser Brücke. Auch auf der anderen Straßenseite, vor dem
Eingang einer Drogerie-Filiale, liegt jemand, allerdings mitten auf
dem Gehweg, wo er die Geschäftigen stört. Zwei Polizeibeamte beugen
sich über ihn, als ich vorbeigehe. Noch ein Stück weiter, an der
Brücke, lagert ebenfalls eine Person auf dem Boden und wiegt sich in
einem unhörbaren Lied. Es muss Krieg sein, würde man wohl denken,
wenn man aus einer anderen Sphäre hier landete. Die Menschen
fliehen, wer nicht Schritt hält, bleibt zurück.
[…]
Was
tut man? Ich tue, wie die anderen, die hier arbeiten oder in einem
der Restaurants vor einem Aperol Spritz sitzen, nichts. Neulich stand
eine abgefackelte Vespa zwischen den Bänken am Ufer. Botschaften
sind an den Mülleimern oder den Zäunen der Häuser: Suche Zimmer.
Mein Freund wurde hier lebensgefährlich verletzt – wer hat etwas
gesehen?
Die
Wohnungen sind teuer. Eine Dachgeschoss-Maisonette wird für 4.000
Euro Miete angeboten. Von dort aus blickt man auf die nächtlichen
Feuerstellen am Ufer herab. Nach Zahlen des Paritätischen
Wohlfahrtsverbands leben in Berlin bis zu 7.000 Menschen auf der
Straße und 57.000 in Unterbringungen – zehnmal so viele wie 2012.
[…]
Sind
es nur die anderen, die schuldhaft Gescheiterten, aus eigentlich zu
gewinnenden Kämpfen des Daseins ins Aus Geschwemmten? Oder jene, die
vielen von uns nur ein kleines Stück voraus sind? Eine Freundin,
Künstlerin, Ende 50, muss seit der Mieterhöhung ein Zimmer ihrer
Zwei-Raum-Wohnung untervermieten, um dort bleiben zu können. Ein
Paar mit zwei Kindern, das ich kenne, wohnt, obwohl getrennt, weiter
zusammen, weil eine zweite Wohnung nicht drin ist.
Das
Eis ist dünn geworden, die Angst, dass es bricht, wenn man sich nach
vorn beugt, um einem anderen die Hand zu reichen, groß.
Petra Kohse, Frankfurter Rundschau 28.8.2026
Rückblick auf 2020, als vom Staat gefordert wurde, Infizierte sollten in der Wohnung bleiben: Wohnungslosigkeit ist vermeidbar