Susan Neiman: "[...] Ohne die Entscheidung, dem Gesetz zu folgen, unabhängig davon, ob es dem eigenen Interesse entspricht, sind die besten Rechtskonstruktionen nutzlos. […] John Rawls hat dieses Problem gesehen, aber ebenfalls keine wirkliche Lösung dafür gefunden. Er entwirft sein berühmtes Gedankenexperiment der Ursprungsposition: Wenn man es richtig durchführt, gelangt man zu einer Rechtsordnung, die für alle gerecht ist. Aber was motiviert einen Menschen überhaupt dazu, diese Position einzunehmen? Das ist eine moralische Entscheidung. Selbst in den USA ist das Wort Moral inzwischen problematisch, und in Deutschland war es schon lange verpönt. […] Ich versuche in dem neuen Buch zu zeigen, wie die Vorstellung, es gebe eigentlich keine Moral, sondern nur Eigeninteressen, immer stärker zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Die Idee ist sehr alt, man findet sie schon bei Platons Gegner. Aber im vergangenen Jahrhundert ist sie zum Dogma geworden. Und das unterminiert jeden Rechtsstaat. Für mich besteht deshalb die schlimmste Form des Bösen nicht im Sadismus, also nicht in dem soziopathischen Wunsch, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. Sie liegt vielmehr in der Vorstellung, dass es keine Moral gibt und am Ende nur das Eigeninteresse zählt. […]
Ich fand es auffällig, dass zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit plötzlich fast alle nur noch von „Autoritarismus“ sprachen. Für mich ist das eine Milderung. Auch beim Faschismus geht es mir nicht darum, eine endgültige wissenschaftliche Definition vorzulegen. Ich orientiere mich eher an Wittgensteins Vorstellung von Familienähnlichkeiten. Und wenn man sich ansieht, was in den Vereinigten Staaten geschehen ist – die Gewalt nach innen und außen, die Angriffe auf die Medien, der Druck auf die Universitäten, der Umgang mit Migranten und zum Teil auch mit amerikanischen Staatsbürgern, der Versuch, demokratische Wahlen auf die eine oder andere Weise zu unterminieren –, dann sehe ich sehr deutliche Familienähnlichkeiten. Hinzu kommt die Einschüchterung der Presse durch Klagen über Millionen oder Milliarden Dollar. Eine freie Presse ist dadurch tatsächlich in Gefahr. Dasselbe gilt für die Universitäten. Menschen wurden festgenommen und außer Landes gebracht. Demonstranten wurden erschossen. Wie soll man das nennen? […]
Von allen Seiten wird uns gesagt: Es gibt nur Eigeninteressen, alles andere ist Täuschung, und im Grunde haben wir keine Macht, die Verhältnisse zu ändern. Zugleich fühlen sich in vielen Ländern die Menschen tatsächlich entmachtet. Wenn wir alle wirklich so handeln würden, wie es die herrschenden Ideologien behaupten, würden wir am Ende alle wie Donald Trump funktionieren. Er verherrlicht nicht nur das Eigeninteresse. Er scheint kaum zu verstehen, dass andere Menschen überhaupt anders handeln können.
Frankfurter Rundschau: Wir wissen aber, dass wir nicht alle wie Donald Trump handeln.
Doch je mehr der mächtigste Mann der Welt sich so verhält, desto leichter fällt es jedem Einzelnen zu sagen: Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten sich so benimmt, warum sollte ich mich anders verhalten? Hinzu kommen die Folgen jahrzehntelanger neoliberaler Politik. Es geht nicht bloß um die wachsende Schere zwischen Arm und Reich. Diese Ungleichheit ist heute ständig sichtbar. Früher war vielen weniger bewusst, wie gewaltig der Abstand zwischen ihnen und den Multimillionären und Milliardären ist, die tatsächlich Macht besitzen.
Frankfurter Rundschau: Sie haben dem Gaza-Krieg ein eigenes Kapitel gewidmet. Warum ist dieser Konflikt für Ihre Argumentation so wichtig?
Weil Gaza zu einer moralischen Wasserscheide geworden ist. Natürlich werden auch im Sudan oder an anderen Orten Menschen getötet. Aber hier kommt etwas hinzu: Die mächtigsten westlichen Länder haben sehr unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Damit verschwindet selbst der Anschein eines universellen Rechts. Wenn man das eine Massaker verurteilt und ein anderes unterstützt, wenn man Russlands Vergehen in der Ukraine anders behandelt als das, was Israel in Palästina tut – wobei ich ausdrücklich nicht behaupte, dass diese Dinge identisch sind –, dann sehen die Menschen diesen Unterschied in den Reaktionen. Das vermittelt den Eindruck, dass niemand universelles Recht wirklich ernst nimmt und am Ende nur Machtverhältnisse zählen. [...]"

