"Spektakulär und nervenaufreibend geriet die Entführung des Höchst-Managers. Rudolf Cordes und von Alfred Schmidt, einen 47 Jahre alten Siemens-Techniker. Ihre mehrmonatige Geiselhaft im Libanon beschäftigte mich im Kanzleramt intensiv. Ich musste mich in einer Art Crashkurs zum ersten Mal mit dem islamischen Terrorismus der Hisbollah und der komplexen internationalen Diplomatie im Nahen Osten* befassen. Gleichzeitig stand das Leben zweier deutscher Staatsbürger auf dem Spiel. [...]/[...]. Die Lage verschärfte sich dramatisch, als Hamadis Bruder Abbas, der Drahtzieher der Entführung, in die Bundesrepublik einreisen wollte, wie wir aus einer Abhöraktion wussten. Sollten wir zugreifen? Ich ließ erst einmal alle reden, um anschließend meine Meinung zu sagen – ein Prinzip, das wirkungsvoll funktionieren kann. Die Mehrheit plädierte dafür, nicht einzugreifen, eine Auffassung, die ich entschieden ablehnte. Er war nach Ankunft sofort zu verhaften. Nachdem ich das so gesagt hatte, wollte niemand mehr widersprechen, es war also beschlossen. Kinkel kam anschließend in mein Büro und beschwöre mich: machen Sie das nicht! Wenn morgen in einem Frankfurter Kaukaufhaus eine Bombe hochgeht oder ein anderer Terrorakt passiert, werden sie Ihres Lebens nicht mehr froh! Ich entgegnete zwar, dass wir in unserer Haltung konsequent bleiben müssten, doch ich gebe zu, in der folgenden Nacht sehr schlecht geschlafen zu haben. Kinkel hatte mir ins Gewissen geredet. Wenn es geschehen wäre, hätte ich zurücktreten müssen. Die Konsequenz hätte ich gezogen. Das war mein kleiner Helmut-Schmidt-Moment – ich fühlte mich vermutlich so ähnlich wie er zehn Jahre zuvor. Glücklicherweise passierte dann nichts."
* Es darf davon ausgegangen werden, dass Donald Trump diesen Einführungskurs vor der Entscheidung, einen Krieg gegen den Iran zu beginnen, nicht erfolgreich absolviert hat.
(Wolfgang Schäuble: Erinnerungen, S. 160/161)