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Samstag, 16. März 2024

Grundgesetz und Verfassungskultur

 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/inguterverfassung-2024/545646/verfassungskultur-statt-leitkultur/

Anmerkung: Samira Akbarian, Ziviler Ungehorsam als Verfassungsinterpretation, (= Studien und Beiträge zum Öffentlichen RechtNr. 62). Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-162212-0 (zugleich Dissertation, Frankfurt am Main, 2022).

"Verfassung ist Idee, ist systematisch auslegbarer Text, ist ein Konzept für eine lebendige Demokratie. Aber Verfassung ist auch Praxis. Welche Potenziale das Grundgesetz zur Geltung bringen kann, entscheidet sich dort: in der Rechtsanwendung, mit und durch die Mobilisierung von Recht. Sie ist Voraussetzung und Grundlage, um Wirkung über die Symbolik hinaus zu erzeugen. Inwiefern das Grundgesetz also das Potenzial hat, Herausforderungen und Krisen wirksam zu begegnen, entscheiden Institutionen, Verfahren und unterschiedliche Akteure in einem Verfassungsstaat, der noch dazu europäisch und global eingebettet ist.  [...] Eine Verfassung ist letztlich nur so viel wert, wie sie auch sozial real wird. Sie ist nicht „bloß theoretisches Gewebe“ Zur Auflösung der Fußnote[1]  und darf schon gar nicht nur dekorativ bemänteln, was tatsächlich als „autokratischer 
Zur Auflösung der Fußnote[2]       funktioniert. 
Eine Gesellschaft benötigt, so später Konrad Hesse, nicht den Willen zur Macht, sondern den Willen zur Verfassung. Zur Auflösung der Fußnote[4] [...] Besonders wichtig sind freie und tatsächlich soziale Medien. Der Wert eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks und unabhängiger Berichterstattung, die frei von staatlicher Propaganda ist, dürfte angesichts ihrer Demontage etwa in Ungarn oder Polen besonders deutlich sein. Wir benötigen Plattformen, die nicht Hetze beschleunigen, sondern Debatten ermöglichen. Hinzu kommt eine freie Wissenschaft. Auch sie wird nicht zufällig von Autokraten attackiert. Wenn also nach der Beendigung oder gar dem Verbot der Genderforschung, der Critical Race Theory oder der Holocaust Studies gerufen wird, geht es letztlich um die Demokratie insgesamt. Auch während der Corona-Pandemie und angesichts der Klimakrise wurde beziehungsweise wird Forschung ebenso denunziert wie instrumentalisiert, mit gravierenden, tragischen und teilweise tödlichen Folgen. 
Zur Auflösung der Fußnote[7] Eine wirklich freie, kreative, kritische und damit produktive Wissenschaft wird gebraucht.

Dienstag, 25. Juli 2023

euro|topics: Israel: Knesset setzt Justizreform durch

 

Die Regierungsmehrheit der Knesset-Abgeordneten hat am Montag ein Kernelement der umstrittenen Justizreform verabschiedet. Die Opposition blieb der Abstimmung fern. Ex-Premier Jair Lapid kündigte eine Klage vor dem Obersten Gerichtshof an, der durch die Reform geschwächt werden soll. Eine Großdemonstration ist für Samstag angekündigt. Europas Presse ist besorgt.

POLITYKA (PL)

Demokratie funktioniert anders

Den Argumenten der Befürworter der Justizreform kann Polityka nichts abgewinnen:

„Damit bekommt das System Risse, das bisher das Gleichgewicht der Gewalten garantierte. Nicht die Gerichte werden die Regierung kontrollieren, sondern die Regierung wird die Gerichte zur Rechenschaft ziehen und dabei heuchlerisch behaupten, dass dies die Demokratie stärke. ... Eines der Hauptargumente war es, einem Gericht die Macht zu entziehen, das nicht von den Bürgern gewählt wurde. Das Problem ist, dass die Mehrheit der Bürger die Reform ablehnt (wie aus Umfragen hervorgeht) und darüber hinaus bis zu 85 Prozent von ihnen nun einen Bürgerkrieg befürchten. Auf wen hören der Premier und seine Gefolgsleute also wirklich?“

Agnieszka Zagner
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THE ECONOMIST (GB)

Es stehen stürmische Zeiten bevor

Die Justizreform stürzt das Land ins Chaos, urteilt The Economist:

„Israel könnte sich innerhalb weniger Tage in einer Verfassungskrise befinden ... Die Demonstranten, die glauben, dass sich ihr Land auf dem Weg in eine Diktatur befindet, werden nicht aufgeben. Ganze Reserveeinheiten könnten lahmgelegt werden. Große Wirtschaftskonzerne haben ihre Betriebe bereits aus Protest geschlossen und die Gewerkschaften erwägen einen Generalstreik. Nach der Abstimmung brachen wütende Proteste aus, die im Zentrum von Jerusalem, Tel Aviv und anderswo im Land für Chaos sorgten. Israel steht vor einem stürmischen Sommer.“

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NRC (NL)

Gemäßigte werden marginalisiert

Netanjahu muss eine riesige Kluft schließen, die durch die Justizreform nun offensichtlich geworden ist, mahnt NRC:

„Die Zweiteilung besteht schon viel länger und wird durch demografische Entwicklungen und politische Radikalisierung immer größer. Ultra-orthodoxe und ultra-nationalistische Israelis bekommen viel mehr Kinder und immer mehr politischen Einfluss. Gemäßigte Israelis fühlen sich zunehmend marginalisiert und denken immer häufiger an Emigration. Deutschland ist zur Zeit ein populäres Ziel für Israelis, die dem 'Faschismus' in ihrer Heimat entkommen wollen, wie sie unverblümt sagen.“

Leonie van Nierop
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RZECZPOSPOLITA (PL)

Die nationale Sicherheit steht auf dem Spiel

Auch in Polen kennt man Proteste gegen Beschneidungen der Justiz, erinnert Rzeczpospolita,

„doch gemessen an der Bevölkerungszahl sind das in Israel unvergleichlich mehr als in Polen. Warum hat die Sorge um die Justiz so viele Menschen dazu veranlasst, zu demonstrieren, gewichtige Erklärungen abzugeben und Risiken einzugehen? Es gibt viele Gründe, aber der wichtigste scheint die Lage Israels zu sein, das vor kurzem den 75. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feierte. Auf dem Spiel steht die Sicherheit eines Landes, in dem neue Gesetze von Nationalisten und religiösen Extremisten diktiert werden. Damit wird es seiner nahöstlichen Umgebung ähnlicher und entfernt sich vom Westen.“

Jerzy Haszczyński
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Israel: Knesset setzt Justizreform durch

Sonntag, 28. Oktober 2018

Gegen die Würde der Verfassung

Es ist gegen die Würde der Verfassung und gegen den Sinn einer Volksabstimmung, wenn wie gegenwärtig in Hessen über 15 Verfassungsänderungen gleichzeitig abgestimmt wird, die in keinem inneren Zusammenhang stehen.
Wenn über eine Verfassung insgesamt abgestimmt wird, ist klar, dass der einzelne Bürger sich nur im Ausnahmefall mit allen einzelnen Bestimmungen vertraut machen kann.
Dann geht es aber auch nur um den Abschluss einer ausführlichen öffentlichen Diskussion.
In dem vorliegenden Fall war aber weder den Parteien noch den einzelnen Politikern noch der Presse zuzumuten, alle 15 Punkte lange genug in der öffentlichen Diskussion zu halten, dass die Bürger eine Chance gehabt hätten, informiert darüber zu entscheiden.

Der Fortfall der Todesstrafe, die seit der Ratifizierung des Grundgesetzes ohnehin nicht mehr verhängt werden konnte, könnte dazu verführen, anzunehmen, dass auch die anderen Regelungen relativ belanglos wären.
Die Einführung von Staatszielen, die bedeutsam klingen, aber rechtlich durch den Finanzierungsvorbehalt de facto bedeutungslos werden, geht in dieselbe Richtung.

Dass ein Gesetz nicht mehr gedruckt zu werden braucht, um gültig zu werden, greift dagegen in die Informationsmöglichkeiten der Bürger ohne Internetzugang so schwerwiegend ein (auch wenn das Gesetz- und Verordnungsblatt für den einzelnen Bürger noch nie eine bequeme Informationsmöglichkeit bot), dass der Vorgang eine öffentliche Beachtung verdient hätte, bevor er mit 14 weiteren Punkten pauschal abgesegnet oder verworfen werden kann. Entsprechendes gilt für die Herabsetzung des Wählbarkeitsalters (passives Wahlrecht) für den Landtag.

Was beim Konnexitätsprinzip schon fragwürdig war (welche*r hessische Bürger*in wusste oder weiß gar jetzt noch, wie das hieß und was es bedeutete, worüber er damals abgestimmt hat), ist jetzt auf die Spitze getrieben worden.
Eine Volksabstimmung, bei der die Mehrzahl der Bürger nicht weiß, worüber sie abgestimmt hat, widerspricht der Würde des Souveräns.

Dass eine umfassende Diskussion über dieses Problem dazu hätte führen können, dass Wähler*innen davon abgeschreckt worden wären, überhaupt zur Wahl zu gehen, macht den Vorgang nicht erfreulicher.



Montag, 31. Juli 2017

Führt Maduro Venezuela in den Abgrund?

Unter heftigen Protesten hat Venezuelas Präsident Nicolás Maduro eine Volksabstimmung über die verfassungsgebende Versammlung abhalten lassen. Kritiker werfen ihm vor, er plane eine Verfassungsänderung, um sich diktatorische Vollmachten zu sichern. Auch Europas Presse fürchtet um die Demokratie in dem wirtschaftlich gebeutelten Land und warnt vor regionalen Auswirkungen.
TAGES-ANZEIGER (CH)

Die Entmachtung des Parlaments

Für den Tages-Anzeiger versucht Maduro, die Demokratie auszuhebeln:
„Keine Demokratie ist ohne Wahlen denkbar, aber wenn die Wahlen so ablaufen wie am Sonntag in Venezuela, dann können sie auch zur Zerstörung der Demokratie beitragen. Staatspräsident Maduro hat vorab die Spielregeln festgelegt. Das schrumpfende Lager seiner Anhänger wird deshalb als Sieger hervorgehen. Nach offizieller Sprachregelung durften die Venezolaner über die Zusammensetzung einer 'verfassungsgebenden Nationalversammlung' abstimmen. Was tatsächlich geschah, war die endgültige Entmachtung des Parlaments.“
Boris Herrmann
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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (DE)

Das Volk hat nicht gesprochen

Auch für die Süddeutsche Zeitung war die Wahl alles, nur nicht im Sinne des Volkes:
„Bei den bislang letzten Wahlen, die diesen Namen verdienen, gewannen Maduros Gegner 2015 rund zwei Drittel der Sitze in der eigentlichen Nationalversammlung. Das Volk Venezuelas hat sein Urteil über diesen Dreivierteldiktator also längst an der Urne kundgetan. … Mit der sogenannten Wahl vom Sonntag schafft er sich nun ein neues Parlament. Eines, das ihm besser passt. Es gibt wohl nur drei Dinge, die Maduro kurzfristig zum Umdenken bewegen könnten: eine Revolte des Militärs, harte Sanktionen der wichtigsten Erdölkunden USA und China oder die Einsicht, dass er ein einstmals reiches Land geradewegs in den Untergang führt. Auf Punkt drei sollte man zuallerletzt wetten.“
Boris Herrmann
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THE TIMES (GB)

Zeit für Sanktionen

The Times befürchtet eine weitere radikale Verschlechterung der Lage im Land:
„Venezuelas Chaos muss international mit Sorge betrachtet werden. Der Flüchtlingsstrom nach Kolumbien - oder gar über das Meer nach Trinidad - könnte sich zu einer Flüchtlingskrise ausweiten, die die gesamte Region destabilisiert. Die regionale Wirtschaftsunion Mercosur hat Caracas bereits ausgeschlossen. Wenn Maduro den Weg in Richtung Diktatur weitergeht, dann sollte die Region das Land auch aus der Organisation Amerikanischer Staaten ausschließen. Mit Recht hat Kolumbien bereits angekündigt, Maduros verfassungsgebende Versammlung nicht anzuerkennen. ... Die gespaltene Opposition des Landes muss sich nun einen und beschließen, nicht nur den unglückseligen Maduro, sondern auch das populistische Erbe von Hugo Chavez zu verurteilen. Die Alternative wären eine Abwärtsspirale und eine moderne Tragödie.“
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LA STAMPA (IT)

Probleme wurzeln in der Vergangenheit

Für La Stampa hat Venezuelas Ruin seine Wurzeln in der Bolivarischen Revolution des verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez:
„Wie lässt sich erklären, dass Venezuela als eines der lateinamerikanischen Länder mit dem besten Wirtschaftspotenzial am Rande des Ruins steht und vier von fünf Familien an der Armutsgrenze leben? Ein Land, mit Erdölreserven, die selbst die saudischen übertreffen? Die Erklärung liegt gänzlich in der Schwäche des 'sozialistischen' Prozesses der einzig und allein auf den Petrodollars aufgebaut wurde. ... Als der Erdölpreis von 100 Dollar pro Barrel auf weniger als die Hälfte einbrach, stürzte mit ihm der Sozialstaat ein, aber die Projekte und Investitionen, die der verstorbene Präsident Chávez mit (in der Tat bolivarischem) Ehrgeiz für Venezuela und andere Länder Südamerikas wie Kuba ins Leben gerufen hatte, blieben unverändert.“
Guanella
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Führt Maduro Venezuela in den Abgrund?