Freitag, 23. Oktober 2026

Schülerinnen und Schüler protestieren

 Und auch privat ist längst zu spüren: Der Zusammenhalt der Generationen schwindet. Wem versprechen wir noch eine Zukunft?

https://www.zeit.de/2026/46/generationenkonflikt-europa-jugend-demokratie-generationenvertrag

Elisabeth von Thadden

"Es gibt diese Momente, wenn ein paar Leute im Raum feinherb zu lachen beginnen und andere sich wundern, was denn da gerade komisch ist. [...] die Tagesschau meldete, man habe festgestellt, es wäre gut, ab dem Alter von 30 Jahren pro Kopf 700.000 Euro für die Rente anzusparen, bei einem Durchschnittsgehalt von 4.500 brutto im Monat. So hätte man im Alter 80 Prozent des letzten Nettogehalts zur Verfügung. Da fingen diejenigen an zu lachen, die man die jungen Leute nennt, um die 25. Funny! Lustige Zahlen, lustige Wörter: Ansparen. Anlagehorizont. Alter. In vier Jahrzehnten soll irgendwas an uns ausgezahlt werden? Wie denn das? [...]

Noch ist man von den herbstlichen Bildern des brennenden Nachbarlands Frankreich erschüttert,[...]Die eigene Zukunft hat, wenn man Mitte zwanzig ist und in Europa lebt, ein echtes Erwartungsenttäuschungs-Problem. [...] Die jungen Polen beispielsweise, eher optimistisch gestimmt, sind nicht auf den Straßen, wie auch die Skandinavier nicht. Die jungen Spanier wählen nicht auffällig rechtspopulistisch, wie es junge Deutsche und Franzosen tun, protestieren aber für erschwingliche Mieten. Die jungen Italiener haben nicht in besonders markanter Zahl Giorgia Meloni gewählt, sie protestieren für ein bezahlbares Leben, doch zudem für bessere Bildung, wie es auch die jungen Franzosen tun. Die Motive der Demonstranten aber sind hier wie dort durch marodierende Plünderer überdeckt.

Doch eins haben diese jungen Leute, die da in europäischen Zahlen statistisch kühl erfasst werden, messbar gemeinsam: Die Wärme des Lebensgefühls schwindet. Der Optimismus nimmt ab, die Hälfte der Jugend meint, es werde der eigenen Generation schlechter gehen als den Eltern. Nur die Hälfte hält noch die Demokratie für die beste Staatsform, nicht grundsätzlich, sondern weil sie nicht hinreichend gut funktioniere. [...] Wer Glück hat, den begleiten die Eltern, eine wohlhabende Großtante [...]. Die Solidarität der Generationen ist zurzeit eines der hohen Güter. Wenn die Zuversicht schwindet, kann alles kippen.

Bisweilen sitzen unterdessen auch Eltern zusammen, im Alter der Boomer [...] stellt sich im Gespräch die gemeinsame Erkenntnis ein, dass die eigenen Töchter zuletzt vermehrt links gewählt haben. [...] Die Jungs hingegen: Der eine oder andere wählt die FDP, gar AfD oder halt gar nicht, und in Südkorea sei es genauso, liest man, auch in den USA, überhaupt weltweit, die jungen Frauen, je akademischer sie sind und je städtischer, passen zu den Jungs nicht gut. [...]  Der heutige Gap macht die Paarbildung nicht eben leicht. Erst recht nicht die Fortpflanzung oder gar die Verteilung von Care-Aufgaben. [...] Zwischen hohen Erwartungen und der Realität klafft ein Abgrund. Der sorgt für Enttäuschung. Typisch für Illusionen, die platzen: Der Traum von einem Durchschnittsgehalt liegt bei rund 7.300 Euro. [...] die wichtigsten Statussymbole [...] an erster Stelle die Intelligenz, dann: beruflichen Erfolg, Fitness, Reisen und Schönheit." [Sorge vor Arbeitslosigkeit]

"Ein Staat wie der französische, der bedauernd sagt, dass leider kein Geld mehr da sei, während er um die Renten der Boomer ringt, der hat dann als Vertrauenspartner für die junge Generation schlechte Karten. Das ist zwar kein Grund, ein Rathaus in Flammen zu setzen [...] Doch darf jede Abiturientin [...] heute für sich reklamieren, dass es nicht ihr Verschulden ist, wenn der [...] Staat pleite ist. Denn als er die Schulden kräftig aufgetürmt hat, war sie noch gar nicht geboren. Und weil die Aufrüstung jetzt ein horrendes Geld kostet, im Ernstfall aber nur junge Leute zum Militär an die Waffen müssen, um eine alte Bevölkerung zu beschützen [ist auch Gerechtigkeit nicht zu verspüren, weil]  ganze europäische Landstriche durch Abwanderung alt und männlicher werden, weil besonders die jungen Frauen weggehen. [...] inzwischen circa doppelt so viele Menschen in Rente gehen wie die Schule verlassen, [...]"

Während man zu ahnen beginnt, was passiert, wenn das arktische Eis erst geschmolzen ist und die Temperaturen durch diesen Verlust weiter steigen, wie auch die Pegelstände. Gewiss ist nur: Es betrifft die eigene Lebenszeit. Die Boomer mit ihren Rekord-Energieverbräuchen sind dann schon fort. [...] Lange hat es im alternden Europa gegenüber den Jungen beschwichtigend geheißen: No worries, der demografische Knick wird euch helfen, ihr findet garantiert Arbeit und Wohlstand [...]  Wenn jetzt aber das Nadelöhr zum Arbeitsmarkt wider Erwarten doch eng wird, durch die KI [...] so ist das die nächste Enttäuschung: Denn wenn der Arbeitsmarkt nur noch wenige braucht, [...] dann muss man optimal lernen dürfen, wie die jungen Chinesen es angeblich tun. Dann gibt es da keinen Grund mehr für Geduld,[...]  Ein Staat wie der französische, der bedauernd sagt, dass leider kein Geld mehr da sei, während er um die Renten der Boomer ringt, der hat dann als Vertrauenspartner für die junge Generation schlechte Karten. Das ist zwar kein Grund, ein Rathaus in Flammen zu setzen, [...] Doch darf jede Abiturientin [...] heute für sich reklamieren, dass es nicht ihr Verschulden ist, wenn der [...] Staat pleite ist. Denn als er die Schulden kräftig aufgetürmt hat, war sie noch gar nicht geboren. [...]"

https://antworteneinerki.blogspot.com/2026/10/bruno-latour-nikolaj-schultz-zur.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Ivan_Krastev#After_Europe

https://www.perlentaucher.de/9punkt/2026-10-23.html: "Der Soziologe Fabien Truong wundert sich nicht über die Gewalt bei den Schülerdemos in Frankreich. Gerade die ärmeren Schüler würden in einem permanenten Ausnahmezustand leben, erzählt er im Interview mit dem Tagesspiegel: "Zusammen mit meinem Kollegen Jérôme Truc habe ich zehn Jahre lang in Grigny recherchiert, der ärmsten Stadt Frankreichs. Bei vielen Menschen in prekären Verhältnissen geht es täglich darum, etwas zu essen zu bekommen und eine Arbeitsmöglichkeit zu haben. In den Schulen ist es ähnlich. Tag für Tag geht es darum: Habe ich heute einen Lehrer oder nicht? Habe ich Tische? Habe ich einen Stuhl? Es geht immer nur um das Überleben im Hier und Jetzt. Das nennen wir 'permanenten Ausnahmezustand'. Die Beziehung zur Zukunft ist in gewisser Weise ausgelöscht. Dazu kommen die Klimakrise, die geopolitische Unsicherheit und vieles mehr. Es entsteht ein enormer Druck, ähnlich wie in einem Schnellkochtopf." "

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