Freitag, 12. Februar 2021

euro|topics: Corona-Politik: Außer Lockdown kein Rezept?

 


Firmen am Rande des Ruins, Bürger am Rande der Erschöpfung: Die seit Monaten strengen Corona-Auflagen haben gravierende Folgen. Auch deshalb werden insbesondere dort, wo die Fallzahlen sinken, Forderungen nach Lockerungen laut. Doch die Politik zögert – und trifft Entscheidungen dabei oft hinter verschlossenen Türen. Journalisten diskutieren, ob Unmut berechtigt ist oder die Bürger mehr Verständnis haben sollten.

HARAVGI (CY)

Neoliberale Regierungen sind fantasielos

Die Politik will wohl kein anderes Rezept kennen als Lock- und Shutdowns, kritisiert Haravgi:

„Es gab keine Anstrengung, die Gesundheitssysteme zu stärken, keinen Gedanken, die Gesundheitsausgaben zu erhöhen. Beides könnte die Wahrscheinlichkeit eines neuen Lockdowns verringern. … Was ist, wenn die Impfstoffe bei neuen Mutationen nicht wirken? Was ist, wenn ein weiteres Problem mit der Pharmaindustrie auftritt, die gezeigt hat, dass sie jede Gelegenheit zur Steigerung ihrer Gewinne voll ausnutzt? Die Antwort ist einfach und die gleiche wie im letzten März, vor fast einem Jahr: Lockdown! Für diese Virusbekämpfung entscheiden sich neoliberale Regierungen im Jahr 2021. Ja, es müssen Maßnahmen ergriffen werden. Aber doch nicht die gleichen wie vor einem Jahr, als wir über einen 'unsichtbaren und unbekannten' Erreger sprachen.“

Eirinaios Pitta
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DER NORDSCHLESWIGER (DK)

Als Bürger meckert es sich leicht

In Dänemark werden angesichts sinkender Infektionszahlen die Rufe nach Öffnungsmaßnahmen lauter. Regierungschefin Mette Frederiksen muss schwierige Entscheidungen treffen, betont der Nordschleswiger:

„Es gibt 10.000 Gründe, die Gesellschaft wieder in den Normalzustand zu schalten. Aber einen, es nicht zu tun. Dieser eine Grund - das Coronavirus - macht die Entscheidung der Staatsministerin zu einem Balanceakt. ... Die Regierung setzt auf das Prinzip Vorsicht, kombiniert mit der Hoffnung darauf, dass die Richtwerte weiter sinken und die Zahl der Geimpften steigt. So lange werden wir uns noch gedulden müssen – und in der Zeit können wir uns fragen, wie wir selbst entschieden hätten, wenn wir die Verantwortung hätten – und nicht nur Meinungsfreiheit.“

Gwyn Nissen
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PORTAL PLUS (SI)

Experten brauchen mehr Durchsetzungsvermögen

Der ehemalige Europa-Abgeordnete Miha Brejc mahnt in seiner Kolumne für Portal Plus ein besseres Zusammenspiel von Politik und Wissenschaft an:

„Die Politiker müssen die Vorschläge der Experten ernst nehmen, auch wenn diese unangenehm sind. Und wenn politische Entscheidungen unlogisch, manchmal sogar dumm sind, müssen sich die Experten entschlossen zu Wort melden. Bleiben sie still, müssen wir uns nicht wundern, dass die politischen Maßnahmen nicht funktionieren. Sehen die Menschen Politiker und Experten so handeln wie es aktuell der Fall ist, verlieren sie das Vertrauen in die Regierung und die Maßnahmen haben nicht die erwünschte Wirkung.“

Mihael Brejc
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AFTONBLADET (SE)

Alarmstufe Winterferien

In Schweden freuen sich viele Skifahrer auf die kommende Woche beginnenden Winterferien. Aftonbladet betrachtet die Reiselust mit Sorge:

„Der Skitourismus hat bei der Verbreitung des Virus in Europa eine entscheidende Rolle gespielt. ... Nun könnten die diesjährigen Winterferien die dritte Welle auslösen. Menschen, die seit einem Jahr mit Einschränkungen leben, brauchen ihre Ferien, und die Tourismusindustrie braucht die Besucher. Doch wenn das bedeutet, dass sich das Virus unkontrolliert verbreiten kann, ist der Preis zu hoch. ... Die Regierung hat am Dienstag mitgeteilt, dass Busse und Bahnen ab dem Wochenende nur noch zur Hälfte belegt werden dürfen. Die Frage ist, ob das reicht, um die Ferien nicht zum Superspreader werden zu lassen.“

Ingvar Persson
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Montag, 1. Februar 2021

euro|topics: Anleger-Schlacht um Gamestop


Kleinanleger haben dem Hedgefonds Melvin Capital einen Milliardenverlust beschert. Dieser hatte auf Leerverkäufe von Aktien des Computerspiele-Händlers Gamestop gesetzt, weil dessen Kurse in den vergangenen Monaten gefallen waren. Durch einen konzertierten Kaufansturm der Kleinanleger stieg der Kurs dann aber rasant. Für Europas Presse zeigt der Fall die Janusköpfigkeit der Finanzmärkte.

JUTARNJI LIST (HR)

Streber sorgen für Chaos

Das ist die Rache der Nerds, schreibt Jutarnji list:

„Was passiert, wenn eine Gruppe von Strebern - genervt von der Ungerechtigkeit des Finanzmarktes, der ihnen gleichzeitig als sexy Spielzeug derer scheint, die einige unüberwindbare Klassenstufen über ihnen stehen - entscheidet, die Gerechtigkeit in die eigenen Hände zu nehmen? Sie tun es und sorgen wie erwartet für totales Chaos in einem Mechanismus, der noch seit der großen Krise von 2007 überzeugt ist, dass ihm nichts Schlechtes widerfahren kann. ... Was niemand erwartete, war die massenhafte Beteiligung der Amateur-Investoren, die das Spiel gegen die Wall Street amüsierte, aber auch anzog, weil sie im Falle des Erfolges den verhassten Hedgefonds eine Lektion erteilen könnten.“

Viktor Vresnik
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AARGAUER ZEITUNG (CH)

Am meisten profitieren die Großen

Das Geschäftsmodell von Gamestop hat keine Zukunft, schreibt die Aargauer Zeitung:

„Wenn also die Rebellen auf Wallstreetbets diese Aktie in absurde Höhen treiben, dann hat dies nichts mit Vernunft zu tun. ... Die Wallstreetbets-Rebellen haben eine grosse Ähnlichkeit mit den Impfgegnern. Sie misstrauen den Eliten zutiefst und fühlen sich dank Internet und Apps in der Lage, ihr Finanzschicksal in die eigenen Hände zu nehmen. ... Hedge-Fund-Manager sind Einzelkämpfer, keine Herdentiere. ... Deshalb kämpfen sie nicht geschlossen gegen die Rebellen, sie spannen sie für die eigenen Zwecke ein. Wisst ihr, wer am meisten vom Höhenflug der Gamestop-Aktien profitiert hat? BlackRock. Larry Fink & Co. sind dank den Rebellen über mehr als zwei Milliarden Dollar reicher geworden.“

Philipp Löpfe
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DE STANDAARD (BE)

Achtung Blase!

Vor den Gefahren der Spekulation durch die Kleinanleger warnt auch De Standaard:

„Generation Z, hart von Corona getroffen, crasht die Party auf dem Börsenfest. Das ist Occupy Wall Street, aber digital. Die jüngste Vergangenheit hat aber gezeigt, dass auch eine unberechenbare, zerstörerische Kraft losbricht, wenn die Masse durch die Dynamik der sozialen Medien mobilisiert wird. Genau wie viele professionelle Spekulanten schaffen auch die Reddit-Anleger eine Seifenblase, einen falschen Wert, der nichts mit dem realen Wert von Gamestop zu tun hat. … Die Wall Street kann solche Störungen gut gebrauchen, aber es wird spannend, ob dieser Aufstand sich zum Guten oder zum Schlechten wendet.“

Lieven Sioen
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AAMULEHTI (FI)

Der Fehler liegt im System

Es ist falsch, die Kleinanleger für die hohen Kursschwankungen verantworlich zu machen, betont Aamulehti:

„Viele sind der Meinung, dass sich die großen Hedgefonds beim Eingehen der Risiken verkalkuliert haben und nun werden diese Risiken ausgeglichen, indem der Handel der Kleinanleger beschränkt wird. Hinter dem Phänomen gibt es aber ein größeres Problem des Systems. Die Zentralbanken haben mit ihrer außergewöhnlich lockeren Geldpolitik dazu beigetragen, dass auf allen Wegen versucht wird, Gewinne zu erzielen. Es ist falsch, in diesem Spiel die Kleinanleger als Schuldige auszumachen. Die Schuld liegt im System, dessen lose Fundamente durch solche Phänome getestet werden.“

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FINANCIAL TIMES (GB)

Börse darf nicht zum Casino werden

Langfristig könnte sich die Geschichte nicht nur für die Kleinanleger rächen, warnt Financial Times:

„Die Realität ist, dass die Aktien von Gamestop und anderen Unternehmen fallen werden. Die Aufregung wird enden und sollte langfristige Anleger nicht abschrecken. Es gibt jedoch weitreichendere Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit der Märkte. Es ist wichtig, dass Investieren für eine ganze Generation neuer Investoren nicht zum Synonym für Glücksspiel wird. Dies wäre nicht nur schlecht für den Markt, sondern auch schlecht für die Anleger selbst, wenn sie verlieren - und es würde ihre negative Einstellung gegenüber der Wall Street weiter verstärken.“

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