Donnerstag, 8. Januar 2026

Zur Beschlagnahmung von Öltankern durch die USA

"Was weiß man über die beschlagnahmten Schiffe?

Der inzwischen in Marinera umbenannte Tanker Bella 1 ist bei US-Sicherheitsbehörden ein alter Bekannter: Das Schiff steht seit 2024 wegen mutmaßlicher Verbindungen zum Iran und zur libanesischen Hisbollah-Miliz unter US-Sanktionen. So soll die Bella 1 mutmaßlich iranisches Schwarzmarktöl verschifft haben. 

Die US-Küstenwache hatte die Bella 1 seit dem 21. Dezember verfolgt und in der Karibik versucht, es zu entern, als sie auf dem Weg nach Venezuela war. Dem konnte sich die Bella 1 entziehen und auf den Atlantik hinausfahren. Während dieser Zeit wurde das Schiff in Marinera umbenannt und unter russischer Flagge registriert, wie aus Schiffsdatenbanken hervorgeht. Auch US-Regierungsvertreter gaben an, dass die Schiffsbesatzung eine russische Flagge auf den Rumpf des Tankers gemalt hatte. Davor war die Bella 1 unter der Flagge Guyanas gefahren.  

Die heutige Marinera gehört in die Kategorie sogenannter Supertanker. Sie hat eine Gesamtlänge von 333 Metern, ist 60 Meter breit und kann bis zu 300.000 Tonnen laden. Gebaut wurde sie laut dem Schiffsinformationsdienst Maritime Optima im Jahr 2002.

Der ebenfalls aufgebrachte Supertanker Sophia war Anfang Januar aus venezolanischen Gewässern ausgelaufen. Die Sophia war Teil einer Flotte von Schiffen, die venezolanisches Öl nach China transportierten, und zwar im sogenannten Dark Mode oder mit ausgeschaltetem Transponder, wie aus Schifffahrtsdaten und Quellen hervorgeht. Sie steht deswegen seit Januar 2025 unter US-Sanktionen. Der Rohöltanker hat in etwa die gleichen Größendimensionen wie die im Atlantik beschlagnahmte Marinera

Wie begründen die USA ihr Vorgehen?

Die USA werfen den beiden Schiffen Verstöße gegen US-Sanktionen vor. Heimatschutzministerin Noem nannte beide Schiffe im Zusammenhang mit einer US-Blockade um Venezuela. Auch die Sprecherin von US-Präsident Donald Trump, Karoline Leavitt, bezeichnete die Marinera als Teil der venezolanischen Schattenflotte. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth sagte: "Die Blockade von sanktioniertem und illegalem venezolanischem Öl bleibt in vollem Umfang in Kraft – überall auf der Welt."

Das britische Verteidigungsministerium sprach derweil im Zusammenhang mit der im Nordatlantik festgesetzten Marinera von Aktivitäten in einer Schattenflotte und Verstößen gegen Sanktionen gegen den Iran.  [...]

Was ist mit Schattenflotte gemeint?

Vor Beginn des Krieges gegen die Ukraine lief der russische Ölexport auf dem Seeweg hauptsächlich über westliche Tanker. Ende 2022 führten die G7-Staaten den sogenannten Preisdeckel für russisches Öl von 60 US-Dollar pro Barrel ein. Um diese Sanktionen zu umgehen, nutzt Russland seitdem eine stetig wachsende Flotte von größtenteils veralteten, unversicherten Tankern, die unter Flaggen fremder Länder fahren und somit russisches Öl an den westlichen Sanktionen vorbei transportieren. Im Fall des von den USA beschlagnahmten Schiffs ist es ungewöhnlich, dass es unter russischer Flagge fuhr – und dass nach Angaben des Außenministeriums in Moskau russische Staatsbürger zur Besatzung gehören.

Mit der Schattenflotte umgeht Russland den Preisdeckel für sein Rohöl, dessen Käufer dadurch wiederum Sekundärsanktionen seitens westlicher Länder vermeiden. Die Schiffe steuern größtenteils Häfen in China und Indien an, zu regelmäßigen Käufern sollen aber auch die Türkei, Singapur und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören.

Nach Einschätzung des US-Finanzdienstleisters S&P Global umfasst die Schattenflotte inzwischen fast 1.000 Schiffe, die teilweise nicht nur russisches, sondern auch iranisches und venezolanisches Öl transportieren sollen. Bis zu 80 Prozent der russischen Ölexporte werden demnach über diesen Weg abgewickelt.

Die Praxis wird international nicht nur wegen der Umgehung von Sanktionen kritisiert, sondern auch, weil durch die Verschleierung des Öltransports Risiken für die Seefahrt drohen. So schalten die Schiffe regelmäßig ihre Transponder ab und können dadurch nicht geortet werden. Immer wieder wechseln die Schiffe zudem ihren Namen und Flagge, sodass im Fall möglicher Unfälle die Verantwortlichkeit nur schwer nachvollzogen werden kann. Schließlich stellen die Schiffe, da sie im Durchschnitt deutlich älter als die meisten Öltanker im internationalen Einsatz sind, eine Umweltgefahr dar. [...]"

ZEIT Januar 2026


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