Donnerstag, 8. Januar 2026

Eine vorläufige Meinung zum Brandanschlag im Süden Berlins

 Die Frage ist schon: Wem nützt es? Jedenfalls nicht der demokratischen Linken.

Aber bevor nicht genauere Untersuchungen vorliegen, wäre ein Urteil voreilig.

Man darf weiterhin auf solide Berichterstattung trauen. Jede Meldung, die ins eigene Weltbild passt, gleich für bare Münze zu nehmen, ist bequem, aber gefährlich.

Andererseits, nur die Frage "Wem nützt es?" zu stellen, reicht nicht aus. Der Reichstagsbrand 1933, den die NSDAP für ihre Herrschaft nutzte, wurde nach heutigem Erkenntnisstand nicht von der NSDAP geplant.

Freilich, man kann nicht immer 90 Jahre warten, bevor man sich eine Meinung bildet. Vermuten darf man schon. Aber nicht an allem, was die AfD für sich nutzt ist sie schuld. Ganz gewiss nicht.

Inzwischen liegt mir der ZEIT-Artikel vor, in dem die verschiedenen Bekennerschreiben der Vulkangruppe analysiert und mit Bekennerschreiben anderer Gruppen verglichen werden.

https://www.zeit.de/kultur/2026-01/vulkangruppe-bekennerschreiben-brandanschlag-berlin-stromausfall/komplettansicht

Das klingt mir seriös und spricht dafür, dass die Vulkangruppe sie geschrieben hat. Andererseits haben danach das erste Schreiben mehrere Personen unabgestimmt miteinander verfasst.

Zwei Abschnitte aus der Analyse scheinen mir wichtig:

"Scharloth: Im Bekennerschreiben wird neue Technik konsequent abgelehnt. Es geht quasi um eine Kritik der Digitalität im Namen des Lebens. Das erinnert ein wenig an den Fall Ted Kaczynski, einen Terroristen in den USA, den sogenannten Unabomber. Kaczynski war ein Mathematiker, der sich in ein einfaches Leben im Wald zurückzog und eine Serie von Briefbomben verschickte. Er versprach, die Anschläge zu beenden, falls sein Manifest veröffentlicht würde, was die New York Times und die Washington Post in Absprache mit den Behörden schließlich taten. Der Fall gilt manchen als Geburtsstunde der forensischen Linguistik. Kaczynski wurde letztlich überführt, weil sein Bruder und dessen Frau spezifische sprachliche Wendungen im veröffentlichten Manifest wiedererkannten und ihn identifizierten."

und:

"ZEIT: Sie forschen auch zur sprachlichen Abwertung in politischer Kommunikation. Wie werden in diesem Bekennerschreiben der "Vulkangruppe" andere abgewertet?

Scharloth: Feindbilder sind hier total wichtig. Das ist ähnlich wie in Kriegsbotschaften, die auch oft Rechtfertigungen für bestimmte Taten enthalten. Die Verfasser verneinen die eigene Verantwortung und schieben die Schuld für ihre Aktionen dem absolut Bösen zu, das nur so aufgehalten werden könne."

Das spricht dafür, dass die Täter in der Tat aus der "Vulkangruppe" stammen und dass ihnen wie Kaczynski die Verbreitung ihrer Botschaft wichtiger war als die Folgen ihrer Tat.

Bewiesen ist damit zwar noch nichts, aber vorläufig halte ich nach dieser Analyse eine Täterschaft aus der Vulkangruppe das Wahrscheinlichste und eine Täterschaft aus der AfD sehr unwahrscheinlich

Wenn Nicki996 nicht die Frage gestellt hätte, hätte ich mich aber noch nicht dazu geäußert; denn für eine Festlegung auf ein Urteil scheint mir der Zeitpunkt weiterhin noch zu früh.


Und dann lese ich von einer 88-jährigen Wissenschaftlerin: "Es ist wichtig, nicht zu warten, bis man alles eindeutig und sicher weiß". Dabei sind es doch gerade die Wissenschaftler, die uns stichhaltige Belege für 'richtig' und 'falsch' zu bringen. Was nun?

Forscher, die Neues herausfinden wollen, stehen ja immer vor der Unsicherheit: Was ist richtig und was ist falsch? Nur für den, der das noch nicht weiß, ist es möglich, Neues zu finden.

Fast noch mehr gilt der Satz beim Handeln: Wer immer so lange wartet, bis er völlig sicher ist, kann nie Handlungsentscheidungen treffen. Denn Zukunft ist immer offen.

Nur beim Urteilen sollte man vorsichtig sein; denn wer von einem einmal gefassten Urteil nicht mehr abgehen kann, der wird lernunfähig.

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