[…] Das konventionelle geopolitische Denken konstatiert dieser Tage, Trump habe mit seinem venezolanischen Völkerrechtsbruch die amerikanische Soft Power endgültig dahingegeben, Werte, Ideale, Regeln, all das. Doch verfügt Trump durchaus über gewaltige Soft Power, sie ist nur von anderer Art. Er pflegt keine Bündnisse, aber er verstrickt die Welt, Gegner wie Anhänger, in seine Aktionen, in sein Denken, in sein Menschenbild, in seinen Tagesablauf. Und er nutzt die historisch einmalige Aufmerksamkeit, um jedem seine These vom Leben einzubimsen, dass nämlich alle Menschen so sind wie er, gierig, egoistisch, rücksichtslos, ablenkbar. Von hier aus teilt sich die Gesellschaft für ihn in jene, die das auch zugeben, das sind die Guten – und in jene, die das leugnen, das sind die Gefährlichen.
Das Völkerrecht wurde gebrochen, um das Völkerrecht zu brechen. Weil es funzt
Trump nutzt dabei nicht etwa, wie er vorgibt, ruchlose Mittel, um seine oder amerikanische Interessen durchzusetzen, vielmehr ist die Ruchlosigkeit selbst das Ziel.
Venezuela zeigt dies. Erst ging es um Drogen, dann um Demokratie, am Ende aber, so behauptete es jedenfalls Trump: um Öl. Und alle seine Kritiker schreien erleichtert auf: Ha, haben wir es doch gleich gewusst! Dabei wundern sie sich gar nicht, dass das, was sie diesem Mann vorwerfen, exakt das ist, was er ihnen selbst hinwirft. Wir sollten uns darüber jedoch ganz ausgiebig wundern und fragen, ob Trumps protziges Öl-Motiv überhaupt stimmt.
Um Venezuelas Ölindustrie wieder aufzubauen, braucht es nach Einschätzung der Experten etwa zehn Jahre und 60 Milliarden Dollar Investitionen. Es gibt jedoch absehbar genug Öl auf dem Weltmarkt, und der Preis ist niedrig. Die US-Konzerne werden in Venezuela allenfalls investieren, weil das eine lohnende Investition in Trump ist. Das Völkerrecht wurde also nicht für Öl-Interessen gebrochen, sondern um das Völkerrecht zu brechen. Weil es funzt. […]“ (Die ZEIT 8.1.2015, S.1)
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