Ich würde behaupten, dass der wichtigste Antriebsfaktor der europäischen Integration für drei Generationen nach 1945 individuelle, persönliche Erinnerungen an Krieg, Besatzung, Holocaust und Gulag, an Diktaturen, ob faschistische oder kommunistische, sowie an extreme Formen von Nationalismus, Diskriminierung und Armut waren. Nun haben wir zum ersten Mal eine ganze Generation von Europäern, die überwiegend – nicht alle, aber die meisten – seit 1989 ohne traumatische und prägende Erfahrungen dieser Art aufgewachsen sind. Sie kennen nur ein Europa, das weitgehend geeint und überwiegend frei ist. Fast zwangsläufig neigen sie dazu, das für selbstverständlich zu halten; denn der Mensch neigt ganz allgemein dazu, das, womit er aufgewachsen ist und was er um sich herum wahrnimmt, als in gewisser Weise normal, ja sogar natürlich zu betrachten. Czesław Miłosz beschreibt dieses Phänomen eindrücklich in seinem Buch Verführtes Denken. Er vergleicht uns darin mit Charlie Chaplin in dem Film Goldrausch, wo dieser vergnügt in einer Holzhütte herumwuselt, die bedrohlich über einem Abgrund hängt.
Ich hoffe, wir sind noch nicht so weit, aber wir müssen dieser Generation irgendwie vermitteln, dass das, was sie heute als normal betrachtet, historisch gesehen tatsächlich zutiefst abnormal ist – außergewöhnlich, außerordentlich. In seiner Dankesrede erwähnte Papst Franziskus im vergangenen Jahr Elie Wiesels Forderung nach einer „Erinnerungstransfusion“ an jüngere Europäer. Genau darum geht es. Natürlich lässt sich nichts mit der Wirkung unmittelbarer, persönlicher Erfahrung vergleichen. Doch die Beschäftigung mit der Geschichte hat unter anderem den Zweck, von den Erfahrungen anderer Menschen zu lernen, ohne sie selbst durchmachen zu müssen. Zu den ermutigenden Zeichen der letzten Monate gehört eine neue Mobilisierung bei dieser Nach-89er-Generation von Europäern, die zeigt, dass ihr Puls für Europa schneller schlägt." (karlspreis.de 25.5.2017)
Freitag, 23. Juni 2017
Karlspreisrede von Timothy Garton Ash
"[...] Viele europäische Gesellschaften haben große Schwierigkeiten damit, Ausmaß und Tempo der Zuwanderung zu akzeptieren, nicht zuletzt derjenigen, die durch den Abbau der Binnengrenzen in Europa bei gleichzeitiger unzureichender Sicherung der Außengrenzen des Schengenraums erleichtert wird. Und ich hoffe, dass sich der Karlspreisträger des Jahres 2002 – der Euro – nicht persönlich beleidigt fühlt, wenn ich darauf hinweise, dass die Eurozone, die ursprünglich die europäische Einigung vorantreiben sollte, in den letzten Jahren schmerzliche Gräben zwischen Nord- und Südeuropa entstehen ließ. Das sind unbequeme Wahrheiten, aber ich glaube, der Geist des Alkuin von York würde mir beipflichten, dass es Aufgabe des Wissenschaftlers ist, sie auszusprechen. [...]
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Donnerstag, 22. Juni 2017
Macron vereint und spaltet
Macron spaltet
Alle drei Minister der liberalen Modem-Partei in Frankreichs neuer Regierung sind zurückgetreten. Nach Verteidigungsministerin Goulard gaben auch Justizminister Bayrou und Europaministerin de Sarnez ihre Posten auf. Gegen ihre Partei werden Vorermittlungen wegen des Verdachts auf Scheinbeschäftigung im EU-Parlament geführt. Auch der Macron-Vertraute und Stadtplanungsminister Ferrand von der LREM gibt seinen Posten auf. Doch dem neuen Präsidenten kommt das nicht ungelegen, vermuten Kommentatoren.
und vereint
Alle drei Minister der liberalen Modem-Partei in Frankreichs neuer Regierung sind zurückgetreten. Nach Verteidigungsministerin Goulard gaben auch Justizminister Bayrou und Europaministerin de Sarnez ihre Posten auf. Gegen ihre Partei werden Vorermittlungen wegen des Verdachts auf Scheinbeschäftigung im EU-Parlament geführt. Auch der Macron-Vertraute und Stadtplanungsminister Ferrand von der LREM gibt seinen Posten auf. Doch dem neuen Präsidenten kommt das nicht ungelegen, vermuten Kommentatoren.
und vereint
"Wir wollen keine Mehrheit, um uns ein ruhiges Leben zu machen, sondern um zu reformieren", kündigte der Sprecher von La République en Marche am Montag die ersten Schritte der Regierung an. Der sozial-liberalen Partei von Präsident Macron ist die absolute Mehrheit im zweiten Wahlgang der Parlamentswahl am Sonntag rechnerisch kaum mehr zu nehmen. Warum setzen die Franzosen alles auf diese Karte?
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Franzosen rebellieren klüger als Angelsachsen
Der Wahlerfolg von La République en Marche (LREM) ergibt sich aus der Unzufriedenheit mit den traditionellen Parteien, meint Rzeczpospolita:
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Präsident hat überzeugt, Opposition nicht
An der historisch niedrigen Wahlbeteiligung von 48,7 Prozent sind Macrons Gegner ganz allein schuld, findet Marianne:
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Frankreich bleibt seiner Tradition treu
Nicht zum ersten Mal erhält ein neugewählter französischer Präsident Rückendeckung durch eine Parlamentswahl, erinnert Diário de Notícias:
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Macron, der französische Tsunami
La République En Marche wird die politische Kaste Frankreichs grundlegend verändern, analysiert Le Temps:
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Nächster Gegner: die Gewerkschaften
Selbst mit einem überwältigenden Wahlerfolg ist Macron noch lange nicht am Ziel, erinnert Adevărul:
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