Samstag, 28. Oktober 2017

Das katalanische Parlament stimmt für Unabhängigkeit, Rajoy setzt die Regierung ab

  • Spaniens Ministerpräsident hat nach einer Sondersitzung des Kabinetts die gesamte katalanische Regierung abgesetzt und Neuwahlen in Katalonien ausgerufen.
  • Der Senat in Madrid hat mit großer Mehrheit dafür gestimmt, Katalonien unter Zwangsverwaltung zu stellen.
  • Derweil kündigte die spanische Justiz ein Verfahren gegen Puigdemont wegen "Rebellion" an - ihm drohen bis zu 30 Jahre Haft.
  • Am Nachmittag hatte das Regionalparlament in Barcelona einem Antrag zugestimmt, mit dem eine "unabhängige Republik" gegründet werden sollte.
SZ 27.10.17

SPON 27.10.17

Freitag, 27. Oktober 2017

Ist Draghis geldpolitische Wende zu zaghaft?

Die Europäische Zentralbank will ab Januar ihre Staatsanleihenkäufe halbieren. Bis mindestens September 2018 sollen monatlich nur noch Papiere im Wert von 30 Milliarden Euro erworben werden. Den Leitzins ließ die Notenbank unangetastet. Einige Kommentatoren loben EZB-Chef Draghi für seine behutsame Wende in der Geldpolitik. Anderen geht der Kurswechsel nicht schnell genug.
LES ECHOS (FR)

Behutsame Kursänderung richtiger Schritt

Draghi hat die richtigen Lehren aus der Geschichte der Geldpolitik gezogen, lobt Les Echos:
„Die USA hatten ihre lockere Geldpolitik in den 1930er Jahren zu schnell angezogen und dadurch die Große Depression verschlimmert. Japan hat in den 1990er Jahren den gleichen Fehler gemacht. Die [US-Notenbank] Fed nimmt sich aktuell viel Zeit, um ihre Zinsen anzuheben und ihre Bilanz zu verkürzen. Mario Draghi hat die Lehre verstanden: Er wird sich Zeit lassen, bevor er das Ende der Ära des billigen Geldes einläutet. Es kann sogar sein, dass der Italiener niemals selbst die Zinssätze der EZB erhöhen muss. Sein Mandat endet in genau zwei Jahren. Und die Frage nach seiner Nachfolge wird sich sehr bald stellen.“
Guillaume Maujean
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FINANCIAL TIMES (GB)

Unorthodoxe Beschlüsse verdienen Respekt

Die Politik des EZB-Chefs erhält Lob von Financial Times:
„Mario Draghi verdient so wie vorher der frühere Chef der US-Notenbank Ben Bernanke großen Respekt. Zunächst lieferte er die nötigen Argumente für eine unorthodoxe geldpolitische Intervention. Dann setzte er diese in die Tat um, indem er geschickt seinen Weg durch die komplizierten politischen Prozesse der Eurozone fand. Dabei trat er Kritikern sowohl innerhalb der EZB als auch unter den EU-Finanzministern entgegen. Die Ankündigung vom Donnerstag zeigte, wie erfolgreich Draghis Bemühungen bisher waren. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass er imstande ist, der Bank Spielraum für eine wenn nötig weiterhin lockere Geldpolitik in den kommenden Jahren zu bewahren.“
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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (DE)

Draghi muss schneller gegensteuern

Die Trendwende der EZB ist der Süddeutschen Zeitung viel zu zögerlich:
„Menschen kaufen sich Häuser, die sie sich auf Dauer nicht werden leisten können. Euro-Staaten verlieren einen Anreiz, ihre Haushalte in Ordnung zu bringen. Und an den Kapitalmärkten droht eine Blase. Was, wenn diese platzt? Und weil die EZB fast nur noch bei den hoch verschuldeten Euro-Staaten ausreichende Volumina für ihre Ankäufe findet, wachsen die Anteile von Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien an den EZB-Anleihebeständen weiter. ... Die Hüter des Geldes gehen gewaltige Risiken ein, so gewaltig, dass selbst manchen der Akteuren mulmig geworden ist. Deshalb ist es richtig innezuhalten. ... Bis die Gefahren gebannt sind, bis Geld und Zinsen wieder ihre Kontrollfunktion für gutes Wirtschaften haben, wird es noch viele Jahre dauern. Mehr und schneller gegenzusteuern wäre besser gewesen.“
Marc Beise
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DE TIJD (BE)

Es droht eine Blase

Die andauernde Stimulierung der Märkte ist riskant, warnt De Tijd:
„Die EZB tritt das Pedal weniger hart durch, aber sie gibt weiter Gas. ... Die Realwirtschaft könnte auch ohne außerordentliche Unterstützungsmaßnahmen auskommen. Doch gilt dasselbe auch für die Finanzmärkte? ... Sie sind süchtig nach dem Gratisgeld. Wenn die EZB nun abrupt aufhören würde, Geld in die Märkte zu spritzen, könnte das zu schweren Entzugserscheinungen führen. Draghi hat kein Interesse daran, einen Crash auf den Finanzmärkten zu verursachen. Denn das könnte sich negativ auf die Realwirtschaft auswirken. ... Doch sein Vorgehen ist nicht ohne Risiko. Die EZB bläst weiter Luft in die bereits ziemlich gefüllten Ballons der Finanzmärkte.“
Stefaan Michielsen
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Ist Draghis geldpolitische Wende zu zaghaft?

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Verfahren wegen sexueller Belästigung an amerikanischen Hochschulen

"[...] Dass viele Feministinnen und Linke die Veränderung im öffentlichen Bild der Studentin von der akademischen Mitgiftjägerin zum wehrlosen Opfer als gesellschaftlichen Fortschritt zu sehen scheinen, kritisiert Kipnis scharf. Der dominante Opferdiskurs verhindere, dass Maßnahmen diskutiert würden, welche die Handlungsräume junger Frauen auf dem Campus effektiver sichern könnten: von besserer sexueller Aufklärung über Selbstbehauptungskurse bis hin zur längst fälligen Diskussion über die Rolle, die Alkohol und Drogen als soziales Schmiermittel auf dem Campus spielen. [...]"  (Eine Welle des Verfolgungswahns von CHRISTINA DONGOWSKI, faz.net 25.10.17)

Montag, 23. Oktober 2017

Wie wird Babiš Tschechien verändern?

Der umstrittene Medienmogul Andrej Babiš hat die Parlamentswahl in Tschechien gewonnen. Seine populistische und euroskeptische Partei Ano kam auf 29,6 Prozent der Stimmen. Die bisher regierende sozialdemokratische ČSSD stürzte auf 7,3 Prozent ab. Kommentatoren sehen die tschechische Demokratie bedroht und fürchten das Entstehen eines illiberalen Blocks im Osten Europas.
RESPEKT (CZ)

Demokratie in Gefahr

Mit diesem Wahlergebnis ist die Demokratie in Tschechien bedroht, warnt Chefredakteur Erik Tabery in Respekt:
„Niemand, dem die Zukunft Tschechiens wichtig ist, kann jetzt wegsehen. Die Atmosphäre in der Gesellschaft ist gefährlich radikalisiert. 130 von 200 Abgeordneten kommen aus Parteien, die die nachrevolutionäre Ära mehr oder weniger in Zweifel ziehen. Diese Politiker stellen alles so dar, als hätte diese Ära keine Erfolge gebracht. Hier ist tatsächlich das Vertrauen in die Grundfesten der Demokratie bedroht, was umso bemerkenswerter ist, dass Tschechien eigentlich ein erfolgreiches Land ist. Vertieft sich die Spaltung der Gesellschaft und vergrößert sich der Zweifel an der liberalen Demokratie, könnten die Folgen nachhaltiger und schmerzhafter werden. Bald wartet ein weiterer Test auf uns - die Präsidentschaftswahl Anfang nächsten Jahres. “
Erik Tabery
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PRAVDA (SK)

Erniedrigung für Sozialdemokraten

Besonders hart straften die tschechischen Wähler die bislang regierenden Sozialdemokraten von der ČSSD ab, registriert Pravda:
„Die Welt der traditionellen politischen Blöcke ist in Tschechien definitiv Vergangenheit. Die ČSSD erlebte ein Fiasko. Nach vielen Jahren wird sie nicht mehr nur keine der bislang zwei prägenden Parteien sein, an denen keine Regierungsbildung vorbeikam. Sie wird nach Lage der Dinge nicht mal eine starke Oppositionskraft werden. Freilich ist nicht ausgeschlossen, dass Babiš bei der Zusammenstellung der neuen Regierung auf die beiden Parteien zurückkommt, die er jetzt in den Wahlen so erniedrigt hat - die Sozialdemokraten und die Christdemokraten. Aber namentlich der ČSSD bliebe dort nur eine Statistenrolle. In der Opposition sich neu aufzustellen, dürfte jedoch in einem Umfeld, in dem Babiš und Fremdenfeinde dominieren, auch schwer sein.“
Peter Javůrek
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MANDINER (HU)

Die anti-elitäre Elite Tschechiens

Mit der Wahl hat sich die politische Landschaft völlig verändert, analysiert Mandiner:
„Die politische Elite Tschechiens hat von den Wählern eine brutale Ohrfeige bekommen. ... Während die Parteien der traditionellen Elite im 200-köpfigen Parlament bloß 78 Sitze erlangen konnten, vereinigten die neuen alternativen Kräfte insgesamt 122 Sitze auf sich. Diese Verschiebung der Kräfteverhältnisse kann getrost als Erdrutsch bezeichnet werden. ... Die Medien reden heute gern vom Untergang der Eliten. Gleichwohl ist in Tschechien die Situation anders: Der Elite-feindliche Töne spuckende Babiš ist nämlich keineswegs ein Außenseiter. Er erlangte sein Milliardenvermögen in den 1990er Jahren als integraler Teil der Elite. Folglich ist Babiš sozusagen der Repräsentant einer 'anti-elitären Elite'. Schade, dass die tschechischen Wähler dies nicht durchschaut haben.“
Gergő Illés
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TAGES-ANZEIGER (CH)

EU-kritischer Kurs wird stärker

Andrej Babiš wird Tschechien auf einen Anti-EU-Kurs bringen, fürchtet der Tages-Anzeiger:
„Seit der 63 Jahre alte Unternehmer vor vier Jahren die politische Bühne betrat, hat er seine Positionen nach Wind und Wählerstimmung ausgerichtet: vom Euro-Befürworter zum Euro-Gegner, von Zustimmung zur Einwanderung ins alternde und um Arbeitskräfte ringende Tschechien bis zur Gegenposition. Dieser Wechsel hat Babiš bei den Tschechen, die vor allem von ihren Präsidenten Václav Klaus und Miloš Zeman seit mehr als einem Jahrzehnt teils üble Anti-EU-Propaganda zu hören bekommen, Auftrieb verschafft. Nur noch 29 Prozent der Tschechen halten die EU für eine gute Sache. Babiš dürfte seinen Anti-EU-Kurs nun verstärken, vor allem auch angesichts des Wahlerfolges der populistisch-rechtsradikalen SPD.“
Florian Hassel
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DIE WELT (DE)

Ein illiberaler Block im Osten

In Europa vollzieht sich eine neue Ost-West-Spaltung, klagt Die Welt:
„Tschechien nähert sich ... Staaten wie Polen und Ungarn an, die schon seit geraumer Zeit den Weg in einen neuen (oder alten) Nationalismus beschreiten. ... Der Block der 'illiberalen Demokratien' wäre ein frontaler Angriff auf die EU als Rechtsgemeinschaft. Dass es schon fast dahin gekommen ist, beweist, dass die Osterweiterung der EU in ihrem Tempo voreilig war. Man achtete zu viel auf Lippenbekenntnisse und zu wenig darauf, ob die Kandidatenländer auch den Geist der europäischen Gesetze verinnerlicht hatten. ... Die EU ist heute viel schärfer zwischen Ost und West gespalten als zwischen Nord und Süd. Man kann gar nicht genug dankbar dafür sein, dass Frankreich heute von einem Präsidenten geführt wird, der diese Spaltung nicht hinnehmen wird und der mit großem Elan an die große EU-Reparatur geht.“
Thomas Schmid

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Wie wird Babiš Tschechien verändern?